Emmy Ball-Hennings
Ball-Hennings






Emmy Ball-Hennings in Flensburg
Ausführungen von
Thomas Friedrich, Lutz Jahre,
Dieter Pust und Ulrich Schulte-Wülwer
Fotos: B. List


Geburtshaus
Steinstraße 5
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Eingang zur Werft
Eingang zur Werft
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Elternhaus und Familie

"Langsam tauchen die ersten frühen Bilder aus meiner Kinderzeit auf, und ich sehe zunächst eine kleine, ungepflasterte Straße, weit draußen im Vorort der kleinen Hafenstadt. Eigentümlich verschollen wirkt diese Gegend (…)."[5]

Das Geburtshaus, in dem Emmy Ball-Hennings ihre Kindheit verbrachte, ist erhalten geblieben, es handelt sich um ein schmuckloses einfaches Wohnhaus der Neustadt, dem klassischen Arbeiter- und Industrieviertel, das stark geprägt war durch Arbeitstätten wie die Glashütte, das Gaswerk und die noch heute in Betrieb befindliche Werft, an der auch Emmys Vater Ernst Friedrich Matthias Cordsen (1838-1901) arbeitete.[6]
Der Vater hatte 1864 das Steuermannspatent erworben, 1867 war er nach Hamburg gegangen und ist nach Emmys Aussage auf einem Dreimaster mehrfach um die Welt gesegelt. 1881 kehrte er nach Flensburg zurück und nahm auf der Werft eine Stelle als Rigger und Takler an – "vielleicht mehr meiner Mutter zuliebe als aus eigenem Antrieb."[7]

Die Neustadt, in der Emmy aufwuchs, hatte einen hohen dänischen Bevölkerungsanteil. Auch der Werftdirektor Thomas Bredsdorff, dessen heute noch stehende stattliche Villa mit ihrem Garten Emmys Phantasie entzündete, war Däne.[8]
Die Werft entwickelte sich unter Bredsorffs Leitung zu dem am meisten beschäftigten Schiffsbauunternehmen in Preußen.
Der Vater entstammte entgegen Emmys Behauptung keiner Seefahrerfamilie, die Vorfahren waren Hufner oder Bäcker.
Seine erste Frau, die er um 1877 in Altona geheiratet hatte, starb, als die im folgenden Jahr geborene Tochter Paula eineinhalb Jahre alt war.
1882 ging der Vater mit der Näherin Anna Dorothea Zielfeld (1842 - 1916) eine zweite Ehe ein.
Am 17. Januar 1885 kam Emmy um 14 Uhr in der Wohnung in der Steinstraße 5 zur Welt, zwei Tage später wurde sie in der St. Marienkirche auf den Namen Emma Maria evangelisch getauft.
  Emmys Mutter stammte aus einer Flensburger Handwerkerfamilie, auch sie war bereits einmal verheiratet. Ihr erster Mann, Ludwig Lund stammte aus Sterup und fuhr als Hamburger Schiffskapitän zur See.
1877 erlitt er Schiffbruch und wurde unmittelbar vor der zweiten Eheschließung für tot erklärt: "Von Mutter weiß ich, daß sie das Meer fürchtete, doch hatte sie hierfür einen triftigen Grund, da sie ihren Lieblingsbruder und vor allem ihren ersten Gatten schon früh an das Meer verloren hatte."[9]
Der verschollene Stiefvater gab Emmy das literarische Pseudonym, in ihren Erinnerungen nennt sie sich Fräulein Lund.
Apenrader Straße
Steinstraße – Blick zur Apenrader Straße – links Steinstraße 8
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Von den Familienmitgliedern erwähnt Emmy neben den Eltern ihren Onkel, den Zimmerpolier Erich Jürgensen (1834 - 1915), der Dorothea ("Tante Doris"), die jüngere Schwester von Emmys Mutter geheiratet hatte. [10]
Familie Jürgensen wohnte in der unmittelbaren Nachbarschaft in der Steinstraße Nr.8.
"Onkel Erich", der sich an Grundstücksgeschäften beteiligte, war mit Emmys Vater Besitzer des Elternhauses Steinstraße 5. Tante Doris und Onkel Erich hatten zehn Kinder, die jüngste, "Cousine Doris", drückte neben Emmy die Schulbank und wurde mit ihr konfirmiert.
Nordertor
Nordertor

Herrenstall
Herrenstall
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Emmy erwähnt, daß sie vier Großmütter [11] hatte, an einer hing sie besonders, es war Maria Zielfeldt, die 1814 geborenen Mutter ihrer Mutter, die ein schweres Schicksal hatte. Sie war mit einem Küper verheiratet, der 1851 verstarb. Als Witwe fand sie mit ihren fünf Kindern Aufnahme in einem Armenhaus am Nordertor (siehe Foto nebenstehend).
Mit 50 Jahren hatte sie im Herrenstall ein Auskommen als Handelsfrau versucht und war als alte Frau zu der Familie ihrer Tochter in die Steinstraße Nr. 5 gezogen.
Die Großmutter verstarb im Oktober 1892, Emmy wurde von einem "Rausch der Trauer erfaßt, daß ich selbst nicht wußte, wie mir geschah, und ich begann bitterlich zu weinen, lange, lange…"[12]
  Emmy beschreibt ihre Halbschwester Paula, ("Rebekka"), die fast auf den Tag genau sieben Jahre älter war, als "ein schönes Mädchen, hoch und schlank gewachsen, mit schwerem, glattem, streng gescheiteltem Haar und einem sehr fein geschnittenen Gesicht, jedoch mit einem etwas gleichgültigen, manchmal sogar abwehrenden Gesichtsausdruck. Im Typus war sie der vollendete Gegensatz zu mir."[13]
Paula, deren unglückliche verlaufene Jugendliebe von Emmy ausführlich beschrieben wird, verließ Flensburg, sie ging zunächst nach Hamburg und war bei einem jüdischen Kaufmann namens Hirsch in Stellung. Anfang 1898 kehrte sie nach Flensburg zurück; hier heiratete sie 1902 den Kapitän Theodor Wiraldus Friederichsen. Das Verhältnis der Schwestern blieb distanziert. Vermutlich trafen sie sich 1920 noch einmal, als der Verkauf des Elternhauses in die Wege geleitet wurde.
Anschließend verloren sie sich wieder aus den Augen, erst Jahre später kam es zu einer Annäherung, wie wir aus einem Brief erfahren, den Emmy am 23. Mai 1936 an Hermann Hesse richtete: "Gestern… übergab… das Postfräulein mir einen Brief von meiner Schwester, von der ich seit zwanzig Jahren nichts mehr gehört. Ich erkannte sofort die Handschrift, und ich begann zu zittern am ganzen Körper, konnte des Zitterns zunächst nicht Herr werden, so daß ich kaum den Brief öffnen konnte… Meine Schwester… will mir ein Bild von sich senden, ich zeig`s Ihnen dann, wenn sie es wirklich schickt. Schon als Kind liebte ich meine Schwester ihrer kühlen Schönheit wegen. Kalt war sie, wie eine Statue, aber ebenso schön wie eine griechische Vase." [14]
 
Ball-Hennings