Emmy Ball-Hennings
Ball-Hennings






Emmy Ball-Hennings in Flensburg
Ausführungen von
Thomas Friedrich, Lutz Jahre,
Dieter Pust und Ulrich Schulte-Wülwer
Fotos: B. List


Gedenktafel
Gedenktafel - Steinstraße 5
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Kindheit und Jugend

"Mein Gedächtnis, die Erinnerung, ist eine Dichterin. Ich weiß, es kann manches, es kann alles anders gewesen sein. Wie ein Traum erscheint mir alles, was ich sah, und diesen Traum möchte ich so getreu als möglich mir noch einmal erzählen, bevor ich ihn vergesse und bevor ich selbst vergessen bin."

Flensburg, die Stadt, in der alles begann, sieht heute noch in weiten Teilen so aus, wie Emmy Ball-Hennings sie in ihrer Kindheit und Jugend erlebt und in ihren autobiographischen Erinnerungen "Blume und Flamme" und "Das flüchtige Spiel" beschrieben hat.

Viele der von Emmy Ball-Hennings erwähnten Orte sind – dank geringer Zerstörungen der Stadt im Zweiten Weltkrieg – heute noch erhalten und den meisten Flensburgern ein Begriff.
Wenn man die Kinder sieht, die heute auf demselben Schulhof spielen, auf dem Emmy Ball-Hennings vor über 100 Jahren selbst gespielt hat, erhält man ein lebendiges Bild im Sinne der Autorin, der es in ihren autobiographischen Erinnerungen weniger darum ging, chronistisch exakt Orte, Ereignisse und Personen zu erfassen, sondern mehr darum, die Summe ihrer Erlebnisse festzuhalten und den Sinn ihrer Lebensgeschichte durch Erinnerung zu beleben.
"Unübersehbar erscheint mir mein Leben, und ich weiß nicht, ob ich es verstanden habe. Wenn ich die Vergangenheit betrachte, geschieht es mit den Augen der Gegenwart."

In der Tat hatte Emmy Ball-Hennings für ihre Erinnerungen sowohl eine große räumliche als auch eine erhebliche zeitliche Entfernung zu überwinden: Ihr Werk "Blume und Flamme. Die Geschichte einer Jugend" erschien 1938, über drei Jahrzehnte nachdem Emmy Ball-Hennings Flensburg, die Stadt ihrer Jugend, verlassen hatte.

Seit 1915 lebte sie bereits weit entfernt in der Schweiz. Ihre Person macht Emmy Ball-Hennings sowohl in "Blume und Flamme" als auch im zwei Jahre darauf erschienenen Buch "Das flüchtige Spiel" zu einer literarischen Figur namens Helga Lund. In ihren beiden Erinnerungswerken, die sich auf Flensburg beziehen, erhalten die meisten handelnden Personen andere Namen. Ihr erster Ehemann, der Schriftsetzer Joseph Paul Hennings, erscheint im Buch beispielsweise als Gaute Londelius. Nur wenige Personen, wie ihre Tochter Annemarie behalten in den Erinnerungen ihre tatsächliche Identität bei. Die literarische Bearbeitung ihrer Erinnerungen sorgt neben dem großen zeitlichen und räumlichen Abstand für eine weitere Distanz zu den tatsächlichen Geschehnissen, die somit nicht einfach – sozusagen eins zu eins – rekonstruierbar sind. Eines steht fest: Emmy Ball-Hennings hat nicht für den Archivar geschrieben, der einige Mühe hat, aus dem literarischen Stoff ein widerspruchsfreies historisches Bild zu zeichnen, aus dem literarischen Stoff stimmige Chronologien abzuleiten oder gar alle erwähnten Personen zweifelsfrei zu identifizieren. Dennoch, es scheint uns wichtig, das literarische Bild an einigen Punkten durch historische Fakten ergänzen zu können, weil Emmy Ball-Hennings, die später als wichtige Dada-Akteurin, Schauspielerin, Schriftstellerin und Bekannte vieler namhafter Künstler berühmt werden sollte, hier ihre erste Prägung erfahren hat.
Ihre ersten, überaus wichtigen Begegnungen mit dem Theater oder mit dem katholischen Glauben sind in Flensburg festzumachen. Auch sind hier die Wurzeln dänischer und plattdeutscher Lieder zu finden, mit denen sie ihr schauspielerisch-kabarettistisches Repertoire im Münchner Simplicissimus und im Zürcher Cabaret Voltaire würzte. Ernst Schlee bezeichnet das Buch "Blume und Flamme" zu recht als den schönsten Kindheitsbericht, der aus Schleswig-Holstein stammt: "Es ist beglückend zu lesen, wie sich an den unscheinbaren Erlebnissen in einer engen, kleinbürgerlichen Umgebung die Bilderwelt einer hungrigen Kinderphantasie entzündet, wie das erlebnisfrohe Herz sich dehnt und ausreckt nach der ersehnten Ferne, ach dem Wunderbaren." [4]
Viele der von Emmy Ball-Hennings erwähnten Orte sind – dank geringer Zerstörungen der Stadt im Zweiten Weltkrieg – heute noch erhalten und den meisten Flensburgern ein Begriff. Ausgehend von ihren Erinnerungen aus "Blume und Flamme" und aus "Das Flüchtige Spiel" wollen wir einen Gang durch die Stadt unternehmen, um die für Emmy Ball-Hennings wichtigen Orte, Menschen und Ereignisse Revue passieren lassen.
 
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