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Marienkirche - Mondsichelmadonna

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Große Straße 21 - heute Raiffeisenbank

Vermutlich handelt es sich um den Fotografen Andreas Juul, der sein Atelier in der Großen Straße Nr. 21 hatte und der dänischen Bevölkerungsgruppe angehörte. Ein von Juul in dieser Zeit aufgenommenes Foto zeigt Emmy in "dänischer Nationaltracht".

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Apenrader Str.27

Am 13. November 1901 starb der Vater, der laut Melderegister in der Apenraderstraße Nr. 27 wohnte. Eigenartigerweise geht Emmy in ihren Erinnerungen auf den Tod des Vaters nicht ein. Die Mutter zieht in eine Wohnung in die Dorotheenstraße Nr. 1o. Das Haus in der Steinstraße bleibt im Besitz der Familie.

Katholizismus.

Zwei Erfahrungen macht Emmy in ihrer Flensburger Jugendzeit, die sie für ihr Leben geprägt haben. Die eine ist die erste Begegnung mit dem Katholizismus,23 die zweite die Faszination des Theaters. Ihre Kindheitserinnerungen sind immer wieder durch die verklärte Sicht der Konvertitin überhöht. Die erste Begegnung mit dem Katholizismus will sie bereits als Kind gehabt haben als sie beim Spielen zwei Geschwister mit den Namen Veronika und Aloisius kennen lernte.24 Die Kinder bekennen, daß sie katholisch sind und ihre Namen nach ihren Schutzpatronen erhalten haben. Emmy ist fasziniert: "Es war wohl die Macht eines völlig unberührten, klaren und starken Kinderglaubens, dessen Hauch mich traf."25 Es ist von einer gewissen Symbolik, daß Emmys Geburt am 17. 1. 1885 mit der Grundsteinlegung der katholischen Kirche in Flensburg zusammenfällt. Als Fünfzehnjährige besucht Emmy heimlich die inzwischen fertiggestellte Kirche: "(Ich) sang hinter dem schweren Vorhang der geöffneten Kirchtür: weil ich nämlich nicht befugt war, direkt dabei zu sein. Ich gehörte ja nicht zur Kirche, und wagte mich nur hinein, wenn alle Bänke leer waren. Da habe ich die Mutter Gottes um Entschuldigung gebeten, daß ich nicht katholisch bin. Sie möge noch warten, ich sei noch zu klein....Dabei lugte ich, immer nur mit einem Auge, durch die Portiere, und die Herrlichkeit der Kirche erschien mir so überwältigend schön, daß ich wähnte, die Berechtigung zum Eintritt, die wahre Zugehörigkeit zur Kirche erfordere ein seltsam hohes Eintrittsgeld. Was hatte ich zu bieten? Was würde ich je besitzen können, um diesen Schatz zu erwerben? Nicht begreifen konnte ich, daß es nur verhältnismäßig wenige Menschen gab, die zur alleinseligmachenden Kirche gehörten."26

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Aloysius in der katholischen Kirche im Nordergraben

Als Schutzheiligen ruft sie den heiligen Aloysius, den Schutzpatron der Jugend an, der neben der Figur der Mutter Gottes ein Standbild hatte: "...und der heilige Aloysius links in der Kirche, zu dem wagte ich mich nicht recht hin. Nur so seitlich bat ich hinüber: ´O Aloysius`. Bei Gott, die Heiligen bitten für uns. Sie haben mir immer geholfen. Zuerst und besonders der heilige Aloysius, der in der kleinen Diaspora neben der Mutter Gottes stand."27

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Maria in der katholischen Kirche im Nordergraben

Emmy besorgt sich einige Heiligenbildchen, mit den Darstellungen des heiligen Aloysius und der Gottesmutter, die das Mißfallen der Mutter hervorrufen : "Und ich sann hoffnungslos: Wenn die beiden Mütter sich nicht einigen, sich nicht lieb haben, dann können sie mich, das Kind nicht verstehen."28

Emmy konvertierte am 14. Juli 1911 in München zur katholischen Kirche. Nach Aussage der Tochter Annemarie war der kulturkonservative Schriftsteller und Maler Momme Nissen, dem Emmy möglicherweise schon in ihrern Flensburger Jugendtagen begegnet ist, ihr Taufpate.29 Momme Nissen, der aus Deezbüll in Nordfriesland stammte, hielt sich 1901 in Flensburg auf, um die erste große Kunstausstellung zu organisieren, die die Fördestadt bis dahin erlebte.30 Die "Schleswigsche Kunstaustellung" erregte großes Aufsehen, auch Emmy hat sie sich angesehen. In einem Brief an Hermann Hesse erwähnt sie, wie sie siebzehnjährig erstmals die Bilder aus Nordfriesland von Momme Nissen im Museum ihrer Heimatstadt sah.31 Nissen war 1902 unter dem Einfluß seines Mentors Julius Langbehn konvertiert, 1916 trat er in den Dominikanerorden ein, 1922 wurde er zum Priester geweiht. Sein Tod im Jahre 1943 machte Emmy Ball-Hennings sehr betroffen. In einem Brief an Hermann Hesse schrieb sie: "Noch habe ich es nicht erfaßt, daß er fortgegangen ist, und wir wollten doch nach dem Kriege miteinander nach Deezbüll und Flensburg fahren, und sehn, wie es daheim ist."32

Theater

Seit ihrer frühen Kindheit ist Emmy Ball-Hennings vom Theater fasziniert. Am 23. September 1894 war das heutige Stadtheater in Flensburg mit Schillers "Wilhelm Tell" eröffnet worden. Schiller war der auch von Emmy am stärksten geschätzte Dichter. Sie zitiert aus Schillers "Huldigung an die Künste" jene Verse, die noch heute in metallenen Lettern den Eingang des Flensburger Theaters schmücken.

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Schrifttafel am Stadttheater

Bemerkenswert ist, daß das Stadtheater keineswegs ein provinzielles Programm bot, sondern ein höchst modernes Profil hatte. Der erste Intendant war Emil Fritzsche, der neben zahlreichen Klassikerdarbietungen auch avantgardistische Stücke wie Gorkijs "Nachtasyl" oder Freytags "Die Journalisten" sowie alle Ibsen-Dramen aufführte.

Durch kleine Dienstleistungen für ihren Lehrer und in der Nachbarschaft verdiente sich die Zwölfjährige das Geld für die Eintrittskarten. Alle Stücke, die Emmy Ball-Hennings in ihren Erinnerungen erwähnt, wurden im Flensburger Theater aufgeführt.33 Zunächst sah sie die Dramen von Schiller "Die Räuber", "Die Jungfrau von Orleans" und "Don Carlos". Als 1896 das Volksschauspiel "Das Milchmädchen von Schöneberg" aufgeführt wurde, steckte Emmy mit ihrem lauten Lachen das Publikum an.

Erstaunlicherweise waren die Stücke Gerhart Hauptmanns kurz nach ihrer Erstaufführung auch in Flensburg zu sehen. Im November 1896 wurde "Hanneles Himmelfahrt" gegeben. Emmy war tief und ernst berührt: "Dieses kleine schmale Kindesleben Hanneles, das am Verlöschen war und im Scheiden das Kostbarste erblickte, griff mir ans Herz."34 Als im Jahre 1897 Hauptmanns "Die versunkene Glocke" zum ersten Mal im Flensburger Stadttheater aufgeführt wurde, besorgt sich die damals zwölfjährige Emma das Buch, um den Stoff zusammen mit anderen Kindern aufzuführen. In einer Flensburger Waschküche, wo das Stück für die Nachbarschaft aufgeführt wurde, betritt Emmy Ball-Hennings zum erstenmal die Bretter der Bühne, die für sie später so bedeutsam werden sollten. Eine provisorische Situation, deren Kern wie eine Präfiguration der vielen provisorischen Bühnensituationen, die Emmy Ball-Hennings später als Schauspielerin an Wandertheatern, in Cafés, Varietées und Kabarets erleben sollte: "Der Herd sah wie eine freundliche Anhöhe, beinahe wie ein blühender Berg aus. Ich führte nicht nur Regie, sondern hatte zugleich beinahe alle Rollen übernommen, und als Platzanweiserin war ich auch beschäftigt.".35 Nach dem Verlassen der Schule hat Emmy den leidenschaftlichen Wunsch, Schauspielerin zu werden, doch die Eltern ließen dies nicht zu. Theaterbesuche boten den Ausgleich für die oft unbefriedigende Tätigkeit in ihren Tätigkeiten als Dienst- und Kindermädchen. Bei Frieda Plönsky ("Frau Wronski"), einer der ersten und beliebtesten Schauspielerin des Flensburger Theaters verbringt sie ihren 17. Geburtstag.

Ehe

Die Erinnerungen ihres zweiten Buches "Das flüchtige Spiel" setzen mit dem 18. Geburtstag ein: "Ich glaubte zu wissen, was ich wollte. Das aber, was ich wollte, nämlich Schauspielerin werden, war nicht durchzusetzen...Mein Vater, der Seemann, war in meinem sechzehnten Lebensjahre gestorben, meine Schwester war verheiratet, und so lebte ich mit meiner Mutter beisammen, der ich in ihrem Alter Trost und Stütze werden sollte. Meine Mutter hätte wohl am liebsten gesehen, wenn ich mich zeitig verheiratet hätte."36 Dieser Wunsch der Mutter setzte sich fest, doch von der Ehe hatte Emmy keine rechte Vorstellung, sie dachte weder an eine Liebesheirat noch an eine Vernunftsehe, die Hinwendung zu einem Mann verstand sie als einen Akt der Nächstenliebe, als ein Opfer. Emmy war mit Ina Eckener befreundet, einer Schwester des Malers Alex Eckener, den sie als "Maler Magnussen" beschreibt.

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Eckener Haus - heute Restaurant und Erinnerungsstätte an den Luftschiffer Hugo Eckener

Im Hause der Familie Eckener lernte Emmy Albert Kuhlmann ("Herr Skule") kennen, der seit 1901 in Flensburg als Musiklehrer tätig war und seit 1903 bei den Eckeners zur Untermiete wohnte.37 Kuhlmann, der 1882 in Glückstadt geboren war, hatte in Hamburg Musik studiert. Als Kind hatte er ein Auge verloren, nun ließ auch die Sehkraft des anderen Auges nach. Seinen Eltern schrieb Kuhlmann im Januar 1904: "Ich war gestern beim Augenarzt, und der eröffnete mir, ich werde infolge allmählicher Zerstörung der Sehnerven allmählich erblinden...Ich habe seit einem Vierteljahr nicht mehr lesen können, ein paar Zeilen konnte das Auge wohl erraten, sonst war es aus damit."38 Emmys Heiratsantrag wird von Kuhlmann in einem schmerzvollen Akt der Entsagung zurückgewiesen. Daraufhin fixiert sich Emmy auf einen von seiner Frau verlassenen Arbeiter der Glashütte, der mit seinen sechs Kindern in der Vereinsstraße lebte. Nach einigem Hin- und Her vermag Emmy die Frau zur Rückkehr zu bewegen.

Doch dann lernt die zu vielen Opfern bereite junge Frau ihre vermeintlich große Liebe kennen: "Wenige Wochen später ließ ich mich einfangen, leicht, wie ein Vogel, der weder Netz noch Falle vermutet. Ich fiel in Liebe, wie man bei uns daheim zu sagen pflegt."39 Der Naturheilverein war an sie herangetreten und bat sie, in dem populären Unterhaltungsstück "Die goldene Eva" die Titelrolle zu übernehmen. Die Vorstellung war im Tivoli vorgesehen, in einem Vergnügungspark in der oberen Friesischen Straße. Hier fanden regelmäßig Varieté- und Theateraufführungen, im Sommer auf offener Bühne, statt. In Flensburg gab es mehrere Vereine, die Dilettanten-Aufführungen organisierten und eine erhebliche Konkurrenz für das neu erbaute Stadtheater darstellten. Bei einem dieser Vereine, dem Stenographenverein "Gabelsberger", bei dem Hennings als Schriftführer fungierte, hatte Emmy erfolgreich in einem populären Volksstück "Die Venus im Grünen" debütiert. Der Naturheilverein bot viele Laienschauspieler aus eigenen Reihen auf, bei der ersten Leseprobe lernte Emmy den Schriftsetzer Joseph Paul Hennings kennen: "Wir waren sofort, wie schlagartig voneinander - ja - ich kann nicht anders sagen - bezaubert. Es war, als hätten wir seit langem aufeinander gewartet. So unwiderstehlich fühlten wir uns voneinander angezogen, wie zwei Magnete einander anziehen müssen, ob sie wollen oder nicht. Wir flogen einander zu, als triebe uns eine Macht, die weit über unsere Kräfte hinausging."40

Der am 30. Oktober 1882 geborene Hennings war Sohn eines Arbeiters. Auch seine Großeltern waren Arbeiter, Schlossergesellen und Tischler. Am 13. Januar 1904 fand die Hochzeit statt. Die Mutter überließ dem Paar die Wohnung in der Dorotheenstraße 10, sie selbst zog in das Haus in der Steinstraße.

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Dorotheenstraße 10

Bald stellte sich heraus, daß Hennings Sozialist, Atheist und Abstinenzler war, als verbindende Interessen blieben nur die Literatur und die Musik. Gemeinsam lasen sie Goethe und Heine und abends spielten sie Klavier und sangen dazu. Am 17. Juli 1904 kommt ein Sohn zur Welt, der den Namen Joseph Ernst Ferdinand ("Abel") erhält : "Nun hatte ich das ersehnte Kind und dies war, ehrlich gestanden, buchstäblich das Einzige, was mich in meiner Ehe befriedigte...Ich hatte mir unter der Ehe etwas anderes vorgestellt, etwas ganz anderes, als das war, was sie mir bot. Ich glaubte, es müsse ein gegenseitiges Verständnis da sein, ein ruhiges Sichhineinnehmenkönnen, ein schönes Betrachten und Dulden des anderen Wesens, ein allmähliches Ineinanderleben, eine gegenseitige Beeinflussung, die kaum spürbar war."41 An anderer Stelle fährt sie fort: "Die Ehe war mir trotz meiner jungen Jahre keine Laune, kein Kinderspiel. Ich war in der Ansicht, daß die Ehe etwas für immer ist, aufgewachsen, und dieses Immerwährende war es, das mich schreckte. Mir graute vor dem Gedanken, den ich nicht von mir abwenden konnte, daß ich für immer gebunden war."42 Emmy begann zur Schwermut zu neigen und wurde krank. Der Arzt empfahl einen Ortswechsel. Daraufhin zieht das Paar nach Elmshorn, wo Hennings die Stelle eines Lagerhalters in einem Konsumladen annimmt. Die Situation der Ehe bessert sich nicht, beide wenden sich wieder der Schauspielerei zu. Emmys Mutter reist nach Elmshorn, um das erkrankte Enkelkind, das kurz darauf stirbt, mit nach Flensburg zu nehmen. Vermutlich ist der Junge noch in Elmshorn gestorben, denn in Flensburg ist er in keinem Melde- oder Sterberegister verzeichnet. Paul Hennings setzt sich nach Tondern ab. Im Oktober 1905 war er für kurze Zeit wieder in Flensburg gemeldet, im November begibt er sich nach Hadersleben. Das Paar war zu diesem Zeitpunkt bereits getrennt, denn Emmy trat im November 1905 in Kappeln, einer Kleinstadt unweit von Flensburg auf.43 Sie hatte sich einer Theatergesellschaft namens Schmidt-Agte angeschlossen, die seit 1869 vornehmlich durch Schleswig-Holstein zog und ab 1982 in Meldorf ihren Standort hatte. Es wurden aber auch andere Orte bespielt, darunter auch Flensburg, wo in den 90er Jahren im "Tivoli" Aufführungen stattfanden. Die ‘Direktion’ dieses Unternehmens hatte die Witwe Marie Schmidt inne, der Schauspieler Willy Agte führte Regie.44 Die Aufführungen fanden in Kappeln im Hotel "Stadt Hamburg" statt. Als Emmy hier auf der Bühne stand, wurde jeden Sonntag ein neues Stück gespielt, unter der Woche trat die Truppe in den Dörfern der umliegenden Landschaft Angeln auf. Von einer der Aufführungen in Kappeln gibt der "Schlei-Bote" einen Bericht, in dem auch Emmys Leistung besprochen wird: "Ein gediegener und daher immer wieder gern gesehener Schwank ‘Der Raub der Sabinerinnen’ ging gestern abend über unsere Bühne und verfehlte infolge der durchweg guten Darstellung auch diesmal seine Wirkung nicht. Hinsichtlich der Darstellung dürfte in erster Linie die Partie des Herrn Agte als Schmierendirektor Striese zu nennen sein....während Frau Hennings durch natürliche, niedliche Koketterie für sich einzunehmen verstand."45 Zu Beginn des Jahres 1906 verlegte die Truppe ihre Auftritte nach Fehmarn und in verschiedene holsteinische Orte, anschließend gastierte man in der Gegend um Posen und in Schlesien. Emmy wird wieder schwanger und bringt in dem kleinen Städchen Penzig in der Nähe von Görlitz am 11. August 1906 eine Tochter zur Welt, die in der evangelischen Kirche von Penzig auf den Namen Annemarie Cordsen getauft wird. Der Mutter gegenüber gibt Emmy später Hennings als Vater an, doch ihren Kolleginnen der Wanderbühne antworte sie auf die Frage, von wem sie das Kind habe, sehr unverbindlich: "von einem Manne und vom lieben Gott."46 Es darf als sicher angenommen werden, daß der von Emmy ‘Ravelli’ genannte Wanderschauspieler der Vater ist. Emmys zweiter Ehemann Hugo Ball schreibt über seine Stieftochter: "Sie ist hübsch, schwarzes abgeschnittenes Haar, dunkle Augen. Ungarin von Vaters Seite."47 Über Ravelli schreibt Emmy: "Er war ein sonderbarer Mensch, der...aus Ungarn stammte"48 und fährt an anderer Stelle fort: "Hätte man mich damals gefragt, was wir beide voneinander wollten, würde ich geantwortet haben: ‘Nichts, der Zufall hat uns zusammengeführt’ Weder dachten wir daran, beisammen zu bleiben, noch auseinander zu gehen. Er wollte nichts von mir, und ich nichts von ihm, aber wir hielten zusammen wie Menschen, die einander anständig, kameradschaftlich gegenüberstanden. Er war der selbstloseste Freund, der mir begegnet ist,..."49 Ein neuer Vertrag führte die Theatertruppe nach Schleswig-Holstein zurück. In Berlin nahmen Ravelli, Emmy und das kleine Kind den Zug nach Hamburg: "Ravelli wollte mich bis zur Nordschleswigschen Weiche begleiten, um von dort an den neuen Spielort Tondern abzuschwenken. Er wollte meiner Mutter nicht begegnen. Meine Mutter wußte ja noch gar nichts von meinem Kinde."50 Die Mutter erkennt ihre Tochter kaum wieder, sie wagte es nicht, Emmy mit ihrem Säugling bei Tage mit heim zu nehmen. Am 13. Juni 1907 wurde die Ehe mit Joseph Paul Hennings geschieden. Emmy wohnt vorübergehend in ihrem Geburtshaus in der Steinstraße 5: "Meine Mutter wollte mich zum Bleiben nötigen, aber ich konnte nicht. Man kann die Vernunft, die Einsicht eines Menschen nicht zwingen, das anzunehmen, was der Lebenstrieb selbst ablehnt. Von einer Spielgier besessen, von einer Wander und Melodiensucht, war selbst mein Kind nicht fähig, mich zurückzuhalten."51 Erneut läßt sie ihr Kind in der Obhut ihrer Mutter zurück und fährt zu Ravelli nach Tondern.

Nach Flensburg ist Emmy wohl nur noch zwei mal zurückgekehrt. Im Sommer 1914 verbüßte sie in Hannover eine Gefängnisstrafe. In dem 1919 erschienen Buch "Gefängnis" gibt sie über diese bedrückende Erfahrung einen schonungslosen Bericht. Nach der Entlassung aus der Haft war sie vom 23. März bis zum 16. April 1915 in Flensburg polizeilich gemeldet.52

Im Mai 1915 emigrieren Hugo Ball und Emmy Hennings nach Zürich. Nach dem Ende der Dada-Zeit lebte das Paar überwiegend in Bern. Hugo Ball notierte am 30. November 1919 in seinem Tagebuch: "Emmy sehnt sich nach Deutschland. Wir planen, über Berlin und Hamburg nach Flensburg zu reisen. Leider kann ich nicht sagen, daß ich dieselbe Sehnsucht empfinde."53 Am 22. Februar 1920 lassen sich Emmy Hennings und Hugo Ball auf dem Standesamt in Bern trauen, Emmy setzt sich durch und reist mit ihrem Mann nach Flensburg, die Entscheidung fällt Hugo um so leichter als es darum geht, Emmys Elternhaus zu verkaufen, die Mutter war am 20. März 1916 verstorben. Das Paar wohnt mit der Tochter Annemarie in Emmys Elternhaus in der Steinstraße. Da das Haus an vier Arbeiterfamilien vermietet war, logierten die drei auf dem Dachboden. Emmy wurde sogleich von ihren Erinnerungen eingeholt: "Wir kamen in der Nachmittagsstunde an, hatten noch nicht zu Mittag gegessen, saßen auf der Treppe, die Koffer und Taschen auf verschiedenen Stufen placiert. Rasch lief ich in den kleinen Laden, in dem ich als Kind mir oft Lakritze und Zuckerholz hatte kaufen dürfen. Die gläsernen Vasen mit den Himbeer- und Pfefferminzbonbons standen noch genau wie vor zwanzig Jahren auf dem Regal Das schwarze Brot roch wie einst, auch das Petrol und die grüne Seife im Bottich...Frau Hansen, die mich begrüßte, sprach Plattdeutsch mit mir, ein wenig mit Niederdänisch vermengt, und da spürte ich recht, daß ich wieder in meiner Heimat war." 54 Hugo Ball notiert in seinem Tagebuch: "Mit Mühe ist es uns gelungen, im eigenen Hause ein paar Stuben zu bekommen. Bei der Ankunft saßen wir förmlich auf der Treppe. Die Leute sahen uns wie Eindringlinge an. Wir suchen uns in den wunderlichen Verhältnissen zurechtzufinden, und da uns die Schweiz nicht verwöhnt hat, will es uns auch gelingen. Im Garten steht noch der alte Holunderbaum, ganz so wie Emmy als Kind ihn gesehen und oft mir beschrieben hat. Wir haben das Grab dieser fremdlichen Heimat besucht und Blumen hingebracht." 55 Zwei Monate zuvor hatte im Landesteil Schleswig als Folge des Versailler Friedensvertrages eine Volksabstimmung stattgefunden, die hier noch immer die Gemüter erhitzte. Flensburg verblieb bei Deutschland, doch Nordschleswig kam zu Dänemark. Von all den Aufgeregtheiten nahm das Paar keine Notiz. Am 3. Juni 1920 notierte Ball: "Hier in der kleinen brachliegenden Hafenstadt habe ich nun Zeit genug zum Nachdenken und auch zum Ordnen meiner Papiere. Es ist so still hier, fast behaglich. Emmy als Hauswirtin, das ist ein freundlicher Gedanke;"56

Im September 1920 läßt sich das Ehepaar eine Abschrift des Testaments von Emmys Eltern ausfertigen, Emmy hatte das Elternhaus zu gleichen Teilen mit ihrer Schwester geerbt. Beide leiteten den Verkauf des Hauses ein, der ein Jahr später abgeschlossen war. Zu den Erinnerungsstücken die das Ehepaar Ball-Hennings aus Flensburg mit in die Schweiz nahm, gehörten neben der Schiffstruhe des Vaters ein Hut, den der Vater einst von einer Seereise mit gebracht hatte. Ein Foto aus der Zeit um 1922 zeigt das glückliche Paar, geeint durch eine Umarmung und einen innigen Blick, Hugo Ball hat den Hut des Vaters aufgesetzt. Die Sehnsucht nach Flensburg als die Stätte ihrer Kindheit und Jugend durchzieht zeitlebens ihre Aufzeichnungen und Briefe. Als Hermann Hesse sich im Dezember 1946 anschickte, nach Stockholm zu reisen, um den Literaturnobelpreis entgegenzunehmen, empfahl ihm Emmy Ball-Hennings, die Reise über Flensburg zu nehmen: "Sie können sogar von Flensburg über Kopenhagen zu Schiff fahren. Und sie würden dann die Flensburger Föhrde auch sehn, wo sich am Ufer die Buchenwälder entlang ziehen und da Sie ja umsteigen müßten, könnten Sie mir eine Ansichtskarte senden und Sie sagen sich: "Hier also war Emmy zu Hause."57