
Pastor i.R. Matthias Dahl eMail
Das
tägliche Bibelwort der Evangelischen Allianz Flensburg und von
weiteren Pastorinnen und Pastoren aus Flensburg und Umgebung bei "Flensburg
online"

Mit dem Verhältnis
zu den Juden werden wesentliche Punkte unseres Glaubens als Christen berührt.
Hier entscheiden sich Wahrheit und Tragfähigkeit unseres Glaubens
an Jesus den Christus.

Die meisten von uns haben ein viel engeres Verhältnis zu Erzvätern
Abraham, Isaak und Jakob als zu den alten Germanen, von denen die meisten
von uns abstammen.


Unser christlicher
Glaube ist also ohne das Judentum nicht zu verstehen.



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Predigt
über Römer 11; V.17-24 am 19. August 2001 in der St.Marien-Kirche
Flensburg von Pastor i.R. Matthias
Dahl
N
diesem Jahr bemühen sich besonders viele Christinnen und Christen
in Nordelbien um die Frage unseres Verhältnisses zum Judentum.
Das hängt mit der Absicht der Landessynode zusammen, am 22. September
eine Erklärung zu dieser Thematik abzugeben. Wozu der ganze Aufwand?
Ist das nicht ein Randthema, nur für Spezialisten interessant?
Was hat das mit uns normalen Gemeindegliedern zu tun?
Nun, sobald man einmal anfängt, über die
angerührten Fragen nachzudenken, merkt man sehr bald, daß
mit dem Verhältnis zu den Juden wesentliche Punkte unseres Glaubens
als Christen berührt werden. Hier entscheiden sich Wahrheit und
Tragfähigkeit unseres Glaubens an Jesus den Christus.
Aber lassen Sie
uns nicht so allgemein über das Thema sprechen, lassen Sie uns
einen konkreten Abschnitt der Heiligen Schrift bedenken! Schon dies
ist eine wichtige Entscheidung, daß man sich nicht einfach von
dem leiten läßt, was man gerade empfindet, und von den Schlagworten,
die man entsprechend der heutigen political correctness nachsprechen
soll. Als evangelischen Christen sollte uns die Bindung an die Bibel
selbstverständlich sein. Das ist eine Bedingung unseres Glaubens.
Besonders die
Kapitel 9-11 aus dem Brief des Apostel Paulus an die Römer machen
zum Verhältnis von Juden und Christen sehr wichtige Aussagen. Sehr
häufig zitiert werden im jüdisch-christlichen Dialog die Worte
in Römer 11 V.18: Wisse, daß nicht du die Wurzel trägst,
sondern die Wurzel trägt dich. So eng sind wir mit dem Judentum
verbunden.
Denken Sie nur einmal daran, daß wir als Christen den größten
Teil der Bibel mit den Juden gemeinsam haben, das Alte Testament, wie
wir sagen. Das hat seine Folgen. Die meisten von uns haben ein viel
engeres Verhältnis zu Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob als
zu den alten Germanen, von denen die meisten von uns abstammen. Die
Könige David und Salomo bedeuten uns mehr als die Kaiser des Mittelalters.
Vor allem: Jesus
ist Jude. Die Evangelien zeigen ihn uns in jeder Begebenheit als einen,
der dazugehört. Nach acht Tagen wurde er wie jeder jüdische
Junge an seiner Vorhaut beschnitten und so in den Abrahambund aufgenommen.
Jesus lebte und wirkte im Land Israel und ging kaum einmal über
seine Grenzen hinaus. Seine Jünger waren Juden aus dem Volk. Er
heiligte den Sabbat durch die Teilnahme am Gottesdienst in der Synagoge.
Er nahm an den jüdischen Festen teil und feierte mit seinen Jüngern
das Passahmahl. Jesus schenkte Sündern und Verachteten aus seinem
Volk durch seine Nähe und seine Vergebung neue Gemeinschaft mit
Gott.
Nicht selten waren Schriftgelehrte und Pharisäer seine Gesprächspartner.
Sie redeten miteinander auf der Basis der Heiligen Schriften. "Du
hast wahrhaftig recht geredet!" bestätigte ihm ein Schriftgelehrter
(Markus 12 V.32), und Jesus sagte zu ihm: "Du bist nicht fern vom
Reich Gottes"(V.34). Da gab es viel Einvernehmen. Natürlich
hat er sich häufig auch scharf mit ihnen auseinandergesetzt, wie
ja unter Juden theologische Streitigkeiten oft mit besonderer Schärfe
ausgetragen werden.
Trotzdem aber
löste sich Jesus nicht aus dem Judentum. Am Kreuz betete er Psalm
22: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen."
Was in Kreisen des Judentums erwartet wurde, die Auferstehung der Toten,
wurde in Jesus Christus geschichtliche Wahrheit, als er am dritten Tage
auferstand.
Unser christlicher Glaube ist also ohne das Judentum nicht zu verstehen.
Wenn wir an Jesus glauben, dann betreten wir an seiner Hand den geistlichen
Raum des Judentums. Die Psalmen sind auch unsere Gebete und Lieder.
Auch in diesem Gottesdienst haben wir hebräische Worte verwendet
und mit dem Halleluja - Lobt Gott! - Gott gelobt und mit dem Amen -
So sei es! - uns die Gebete zu eigen gemacht.
Es ist für Christen möglich,
an einem jüdischen Gottesdienst teilzunehmen, nicht nur, weil wir
von den jüdischen Gemeinden gastfrei aufgenommen werden. Zwar ist
uns vieles ungewohnt, das Hebräisch ist schwer zu verstehen. Manchmal
hat man als Christ den Eindruck: Hier fehlt noch sehr Wichtiges, weil
Jesus nicht erwähnt wird. Trotzdem ist es möglich, ohne lauter
innere Vorbehalte an einem jüdischen Gottesdienst teilzunehmen
und mitzubeten. Das ist bei keiner anderen Religion möglich.
Denn wir befinden uns wie gesagt mit dem Judentum im selben
geistlichen Raum. "Wir Christen sind geistlich Semiten", hat
Papst Pius XI. 1938 sehr richtig formuliert. Oder um es mit Paulus zu
sagen, wir sind in den Ölbaum eingepropft und haben teilbekommen
an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums.
Denn uns meint er, wenn er uns in diesem
Abschnitt mit "du" anredet. Er meint die Christen, die von
nichtjüdischen Völkern abstammen. Sie sind es, die in den
Ölbaum eingepflanzt sind.
Damit das möglich wurde, wurde erst einmal Platz geschaffen. Einige
von den Zweigen des Ölbaums wurden ausgebrochen. Und warum ausgebrochen?
Um ihres Unglaubens willen, sagt Paulus.
Wen aber meint er mit diesen Zweigen? Nach dem ganzen Zusammenhang sind
die Juden gemeint, die nicht an Jesus glauben. Paulus spricht von "einigen"
Zweigen, die ausgebrochen wurden. Das war seine Hoffnungsperspektive,
denn er erwartete für die nahe Zukunft eine völlige Veränderung
des Bildes. Wenn wir allerdings die geschichtliche Wirklichkeit heute
betrachten, handelt es sich dabei um die weitaus überwiegende Mehrheit
des Judentums. Denn so uneinig sich seine heutigen Strömungen in
fast allen anderen Fragen sind, einig sind sich mit Ausnahme der jesusgläubigen
Juden alle darin, daß Jesus nicht der Messias sein könne
und sein dürfe. Man könnte sagen, daß dies seit etwa
140 nach Christi Geburt ein Grunddogma des Judentums ist.
Wenn es aber so ist, daß die Juden, die Jesus nicht als Messias
bekennen, nicht in dem Ölbaum verwurzelt sind, von dem der Apostel
Paulus spricht, dann kann er mit dem Ölbaum nicht das uns bekannte,
weltweit verbreitete Judentum gemeint haben.
Was also dann?
Er hat das an Jesus gläubige Judentum im Blick. Sie erinnern sich:
Die Jünger Jesu waren solche Juden. Die Glieder der Urgemeinde
in Jerusalem waren Juden. Zur Zeit des Apostels Paulus gab es in Rom
wie in vielen anderen christlichen Gemeinden einen mehr oder weniger
großen Anteil an Gläubigen, die aus dem Judentum stammten.
Nach der Auffassung des Apostels stellen sie das wahre Israel dar, "das
Israel Gottes", wie er Galater 6,16 sagt.
Der Ölbaum ist also das wahre Israel der an Jesus gläubigen
Juden. Für Paulus ist es nicht nur eine Sache seiner Gegenwart.
Es reicht sehr weit in die Vergangenheit zurück, bis zur Wurzel,
bis zu Abraham. Denn Abraham hat geglaubt, er lebte aus dem Glauben
(Römer 4/3+16), was für Paulus wesentlich der Glaube an den
kommenden Messias Jesus ist. Er ist unser aller Vater. In dieser Linie
sieht das Neue Testament auch die anderen Erzväter, David und die
Propheten.
Dieses Israel Gottes ist aber vor allem
auch eine Sache der Zukunft. Ich hoffe, daß es sich in Ihnen festsetzt,
was Römer 11 V.26 geschrieben ist: "Ganz Israel wird gerettet
werden." Und dies nicht als eine Selbstverständlichkeit, sondern
durch den Erlöser, der aus Zion kommen wird, Jesus Christus.
In
dieser Hoffnungsperspektive lebt und denkt Paulus. Er betet darum, arbeitet
dafür, erwartet, daß Gott viele Juden wieder in den Ölbaum
einpfropfen wird, in den sie eigentlich gehören, dann, wenn sie
zum Glauben an Jesus als den Christus kommen. Ganz bestimmt würde
er sich freuen über die Juden, denen in unseren Tagen der Glaube
an Jesus geschenkt wird, die messianischen Juden, wie sie sich meistens
nennen, keine Riesenbewegung, aber unübersehbar, wenn man denn
sehen will.
Der Glaube an Jesus
ist also für den Apostel Paulus ein unabdingbares Element der Zugehörigkeit
zum edlen Ölbaum, zum wahren Israel.
Klar
für uns als Freunde heutiger Juden ist es nicht angenehm,
erkennen zu müssen, daß ihnen vom Neuen Testament her bestritten
wird, sie seien das wahre Israel. Hier kommen wir an einen Punkt tiefgreifender
Auseinandersetzung. Aber es wäre unehrlich, sich darum herumzumogeln.
Denn es steckt darin unser Selbstverständnis, daß wir als
Christen durch den Glauben an Jesus Christus tatsächlich und legitim
im Israel der Bibel verwurzelt sind und es sich dabei nicht nur um irgendwelche
religionsgeschichtlichen Zufälligkeiten handelt. Der Gott Abrahams,
Isaaks und Jakobs ist auch unser Gott, der Vater unseres Herrn Jesus
Christus.
Selbstverständlich
haben Juden an dieser Stelle ein sehr anderes Selbstverständnis.
Zwar gibt es schon seit dem Mittelalter bei etlichen Gelehrten die Anerkennung,
daß sich auch durch die Christen die Verehrung des wahren Gottes
unter den Völkern verbreitet habe. Aber sie werden doch mit einiger
Zurückhaltung gesehen, nicht als dazugehörig, sondern als
gojim, Völker, Nichtjuden. Bei dieser Einstellung spielt natürlich
auch die üble Judenfeindschaft der Kirche durch so viele Jahrhunderte
eine erhebliche Rolle.
Zwar
gibt es heute etliche Juden, die ein positives Verhältnis zu Jesus
gewonnen haben, ihn als einen der Ihren sehen, als frommen Juden, als
Rabbi von Nazareth. Aber die entscheidende Trennungslinie bleibt bestehen.
Seine Anerkennung als Messias, als Erlöser der Welt, als der, der
durch seinen Tod am Kreuz das Heil der Welt vollbracht hat, als der,
durch den auch die Juden ebenso wie die Christen aus den Völkern
den wahren, gottgewollten Zugang zum Vater haben, kommt auf gar keinen
Fall in Frage.
Und
wenn Juden doch zu diesem heilbringenden Glauben an Jesus kommen, wenn
sie sich als solche ansehen dürfen, die durch den Glauben an Jesus
wieder als die natürlichen Zweige in den edlen Ölbaum eingepfropft
worden sind? Dann gelten sie für das offizielle Judentum auf einmal
nicht mehr als Juden. Man betrachtet sie als Abgefallene, als Verräter
und schließt sie, wo es geht, aus dem Judentum aus.
Das
ist für viele Judenchristen oder messianischen Juden ein sehr schmerzhafter
Vorgang, aus den Synagogen geworfen und von ihren Familien verstoßen
zu werden. Und noch schlimmer wird es, wenn sie entdecken müssen,
daß Christen sich um ihrer anderen jüdischen Freunde willen,
deren Freundschaft natürlich sehr viel wert ist, von ihnen distanzieren.
Ich kenne einige, die dadurch sehr verletzt wurden.
Bei
unserem neugewonnenen oder vorsichtiger gesagt erst neu
zu gewinnenden Verhältnis zum Judentum müssen wir es lernen,
Freundschaft mit Juden trotz von uns nicht zu behebenden Gegensätzen
zu gewinnen und zu bewahren.
Wir
dürfen dankbar sein dafür, daß wir in Jesus den Messias
Israels und unseren Erlöser und Heiland haben kennenlernen dürfen.
Wir sollten uns auf solchen Glaube keinem gegenüber etwas einbilden,
vor allem auch Juden gegenüber nicht. Keiner soll so tun, als sei
der Glaube sein eigenes Verdienst. Stattdessen kommt es für jeden
darauf an, daß wir uns der Güte und Gnade Gottes, die uns
in Jesus Christus entgegenkommt, immer neu und von ganzem Herzen anvertrauen.
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