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Flensburg online: Predigt über Römer 11; V.17-24 von Matthias Dahl
  Predigt
Verhältnis zwischen Christen und Juden
· eMail an "Flensburg online"
Flensburg online: Matthias Dahl
Pastor i.R. Matthias Dahl
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Das tägliche Bibelwort der Evangelischen Allianz Flensburg und von weiteren Pastorinnen und Pastoren aus Flensburg und Umgebung bei "Flensburg online"
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Mit dem Verhältnis zu den Juden werden wesentliche Punkte unseres Glaubens als Christen berührt. Hier entscheiden sich Wahrheit und Tragfähigkeit unseres Glaubens an Jesus den Christus.
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Die meisten von uns haben ein viel engeres Verhältnis zu Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob als zu den alten Germanen, von denen die meisten von uns abstammen.

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Unser christlicher Glaube ist also ohne das Judentum nicht zu verstehen.
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   Predigt über Römer 11; V.17-24 am 19. August 2001 in der St.Marien-Kirche Flensburg von Pastor i.R. Matthias Dahl


N diesem Jahr bemühen sich besonders viele Christinnen und Christen in Nordelbien um die Frage unseres Verhältnisses zum Judentum. Das hängt mit der Absicht der Landessynode zusammen, am 22. September eine Erklärung zu dieser Thematik abzugeben. Wozu der ganze Aufwand? Ist das nicht ein Randthema, nur für Spezialisten interessant? Was hat das mit uns normalen Gemeindegliedern zu tun?

   Nun, sobald man einmal anfängt, über die angerührten Fragen nachzudenken, merkt man sehr bald, daß mit dem Verhältnis zu den Juden wesentliche Punkte unseres Glaubens als Christen berührt werden. Hier entscheiden sich Wahrheit und Tragfähigkeit unseres Glaubens an Jesus den Christus.

      Aber lassen Sie uns nicht so allgemein über das Thema sprechen, lassen Sie uns einen konkreten Abschnitt der Heiligen Schrift bedenken! Schon dies ist eine wichtige Entscheidung, daß man sich nicht einfach von dem leiten läßt, was man gerade empfindet, und von den Schlagworten, die man entsprechend der heutigen political correctness nachsprechen soll. Als evangelischen Christen sollte uns die Bindung an die Bibel selbstverständlich sein. Das ist eine Bedingung unseres Glaubens.

      Besonders die Kapitel 9-11 aus dem Brief des Apostel Paulus an die Römer machen zum Verhältnis von Juden und Christen sehr wichtige Aussagen. Sehr häufig zitiert werden im jüdisch-christlichen Dialog die Worte in Römer 11 V.18: Wisse, daß nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich. So eng sind wir mit dem Judentum verbunden.

Denken Sie nur einmal daran, daß wir als Christen den größten Teil der Bibel mit den Juden gemeinsam haben, das Alte Testament, wie wir sagen. Das hat seine Folgen. Die meisten von uns haben ein viel engeres Verhältnis zu Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob als zu den alten Germanen, von denen die meisten von uns abstammen. Die Könige David und Salomo bedeuten uns mehr als die Kaiser des Mittelalters.

   Vor allem: Jesus ist Jude. Die Evangelien zeigen ihn uns in jeder Begebenheit als einen, der dazugehört. Nach acht Tagen wurde er wie jeder jüdische Junge an seiner Vorhaut beschnitten und so in den Abrahambund aufgenommen. Jesus lebte und wirkte im Land Israel und ging kaum einmal über seine Grenzen hinaus. Seine Jünger waren Juden aus dem Volk. Er heiligte den Sabbat durch die Teilnahme am Gottesdienst in der Synagoge. Er nahm an den jüdischen Festen teil und feierte mit seinen Jüngern das Passahmahl. Jesus schenkte Sündern und Verachteten aus seinem Volk durch seine Nähe und seine Vergebung neue Gemeinschaft mit Gott.

Nicht selten waren Schriftgelehrte und Pharisäer seine Gesprächspartner. Sie redeten miteinander auf der Basis der Heiligen Schriften. "Du hast wahrhaftig recht geredet!" bestätigte ihm ein Schriftgelehrter (Markus 12 V.32), und Jesus sagte zu ihm: "Du bist nicht fern vom Reich Gottes"(V.34). Da gab es viel Einvernehmen. Natürlich hat er sich häufig auch scharf mit ihnen auseinandergesetzt, wie ja unter Juden theologische Streitigkeiten oft mit besonderer Schärfe ausgetragen werden.

   Trotzdem aber löste sich Jesus nicht aus dem Judentum. Am Kreuz betete er Psalm 22: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen." Was in Kreisen des Judentums erwartet wurde, die Auferstehung der Toten, wurde in Jesus Christus geschichtliche Wahrheit, als er am dritten Tage auferstand.

Unser christlicher Glaube ist also ohne das Judentum nicht zu verstehen. Wenn wir an Jesus glauben, dann betreten wir an seiner Hand den geistlichen Raum des Judentums. Die Psalmen sind auch unsere Gebete und Lieder. Auch in diesem Gottesdienst haben wir hebräische Worte verwendet und mit dem Halleluja - Lobt Gott! - Gott gelobt und mit dem Amen - So sei es! - uns die Gebete zu eigen gemacht.

   Es ist für Christen möglich, an einem jüdischen Gottesdienst teilzunehmen, nicht nur, weil wir von den jüdischen Gemeinden gastfrei aufgenommen werden. Zwar ist uns vieles ungewohnt, das Hebräisch ist schwer zu verstehen. Manchmal hat man als Christ den Eindruck: Hier fehlt noch sehr Wichtiges, weil Jesus nicht erwähnt wird. Trotzdem ist es möglich, ohne lauter innere Vorbehalte an einem jüdischen Gottesdienst teilzunehmen und mitzubeten. Das ist bei keiner anderen Religion möglich.

Denn wir befinden uns – wie gesagt – mit dem Judentum im selben geistlichen Raum. "Wir Christen sind geistlich Semiten", hat Papst Pius XI. 1938 sehr richtig formuliert. Oder um es mit Paulus zu sagen, wir sind in den Ölbaum eingepropft und haben teilbekommen an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums.

Denn uns meint er, wenn er uns in diesem Abschnitt mit "du" anredet. Er meint die Christen, die von nichtjüdischen Völkern abstammen. Sie sind es, die in den Ölbaum eingepflanzt sind.

Damit das möglich wurde, wurde erst einmal Platz geschaffen. Einige von den Zweigen des Ölbaums wurden ausgebrochen. Und warum ausgebrochen? Um ihres Unglaubens willen, sagt Paulus.

Wen aber meint er mit diesen Zweigen? Nach dem ganzen Zusammenhang sind die Juden gemeint, die nicht an Jesus glauben. Paulus spricht von "einigen" Zweigen, die ausgebrochen wurden. Das war seine Hoffnungsperspektive, denn er erwartete für die nahe Zukunft eine völlige Veränderung des Bildes. Wenn wir allerdings die geschichtliche Wirklichkeit heute betrachten, handelt es sich dabei um die weitaus überwiegende Mehrheit des Judentums. Denn so uneinig sich seine heutigen Strömungen in fast allen anderen Fragen sind, einig sind sich mit Ausnahme der jesusgläubigen Juden alle darin, daß Jesus nicht der Messias sein könne und sein dürfe. Man könnte sagen, daß dies seit etwa 140 nach Christi Geburt ein Grunddogma des Judentums ist.

Wenn es aber so ist, daß die Juden, die Jesus nicht als Messias bekennen, nicht in dem Ölbaum verwurzelt sind, von dem der Apostel Paulus spricht, dann kann er mit dem Ölbaum nicht das uns bekannte, weltweit verbreitete Judentum gemeint haben.

   Was also dann? Er hat das an Jesus gläubige Judentum im Blick. Sie erinnern sich: Die Jünger Jesu waren solche Juden. Die Glieder der Urgemeinde in Jerusalem waren Juden. Zur Zeit des Apostels Paulus gab es in Rom wie in vielen anderen christlichen Gemeinden einen mehr oder weniger großen Anteil an Gläubigen, die aus dem Judentum stammten. Nach der Auffassung des Apostels stellen sie das wahre Israel dar, "das Israel Gottes", wie er Galater 6,16 sagt.

Der Ölbaum ist also das wahre Israel der an Jesus gläubigen Juden. Für Paulus ist es nicht nur eine Sache seiner Gegenwart. Es reicht sehr weit in die Vergangenheit zurück, bis zur Wurzel, bis zu Abraham. Denn Abraham hat geglaubt, er lebte aus dem Glauben (Römer 4/3+16), was für Paulus wesentlich der Glaube an den kommenden Messias Jesus ist. Er ist unser aller Vater. In dieser Linie sieht das Neue Testament auch die anderen Erzväter, David und die Propheten.

Dieses Israel Gottes ist aber vor allem auch eine Sache der Zukunft. Ich hoffe, daß es sich in Ihnen festsetzt, was Römer 11 V.26 geschrieben ist: "Ganz Israel wird gerettet werden." Und dies nicht als eine Selbstverständlichkeit, sondern durch den Erlöser, der aus Zion kommen wird, Jesus Christus.

   In dieser Hoffnungsperspektive lebt und denkt Paulus. Er betet darum, arbeitet dafür, erwartet, daß Gott viele Juden wieder in den Ölbaum einpfropfen wird, in den sie eigentlich gehören, dann, wenn sie zum Glauben an Jesus als den Christus kommen. Ganz bestimmt würde er sich freuen über die Juden, denen in unseren Tagen der Glaube an Jesus geschenkt wird, die messianischen Juden, wie sie sich meistens nennen, keine Riesenbewegung, aber unübersehbar, wenn man denn sehen will.

Der Glaube an Jesus ist also für den Apostel Paulus ein unabdingbares Element der Zugehörigkeit zum edlen Ölbaum, zum wahren Israel.

   Klar – für uns als Freunde heutiger Juden ist es nicht angenehm, erkennen zu müssen, daß ihnen vom Neuen Testament her bestritten wird, sie seien das wahre Israel. Hier kommen wir an einen Punkt tiefgreifender Auseinandersetzung. Aber es wäre unehrlich, sich darum herumzumogeln. Denn es steckt darin unser Selbstverständnis, daß wir als Christen durch den Glauben an Jesus Christus tatsächlich und legitim im Israel der Bibel verwurzelt sind und es sich dabei nicht nur um irgendwelche religionsgeschichtlichen Zufälligkeiten handelt. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist auch unser Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus.

Selbstverständlich haben Juden an dieser Stelle ein sehr anderes Selbstverständnis. Zwar gibt es schon seit dem Mittelalter bei etlichen Gelehrten die Anerkennung, daß sich auch durch die Christen die Verehrung des wahren Gottes unter den Völkern verbreitet habe. Aber sie werden doch mit einiger Zurückhaltung gesehen, nicht als dazugehörig, sondern als gojim, Völker, Nichtjuden. Bei dieser Einstellung spielt natürlich auch die üble Judenfeindschaft der Kirche durch so viele Jahrhunderte eine erhebliche Rolle.

   Zwar gibt es heute etliche Juden, die ein positives Verhältnis zu Jesus gewonnen haben, ihn als einen der Ihren sehen, als frommen Juden, als Rabbi von Nazareth. Aber die entscheidende Trennungslinie bleibt bestehen. Seine Anerkennung als Messias, als Erlöser der Welt, als der, der durch seinen Tod am Kreuz das Heil der Welt vollbracht hat, als der, durch den auch die Juden ebenso wie die Christen aus den Völkern den wahren, gottgewollten Zugang zum Vater haben, kommt auf gar keinen Fall in Frage.

   Und wenn Juden doch zu diesem heilbringenden Glauben an Jesus kommen, wenn sie sich als solche ansehen dürfen, die durch den Glauben an Jesus wieder als die natürlichen Zweige in den edlen Ölbaum eingepfropft worden sind? Dann gelten sie für das offizielle Judentum auf einmal nicht mehr als Juden. Man betrachtet sie als Abgefallene, als Verräter und schließt sie, wo es geht, aus dem Judentum aus.

   Das ist für viele Judenchristen oder messianischen Juden ein sehr schmerzhafter Vorgang, aus den Synagogen geworfen und von ihren Familien verstoßen zu werden. Und noch schlimmer wird es, wenn sie entdecken müssen, daß Christen sich um ihrer anderen jüdischen Freunde willen, deren Freundschaft natürlich sehr viel wert ist, von ihnen distanzieren. Ich kenne einige, die dadurch sehr verletzt wurden.

   Bei unserem neugewonnenen oder – vorsichtiger gesagt – erst neu zu gewinnenden Verhältnis zum Judentum müssen wir es lernen, Freundschaft mit Juden trotz von uns nicht zu behebenden Gegensätzen zu gewinnen und zu bewahren.

   Wir dürfen dankbar sein dafür, daß wir in Jesus den Messias Israels und unseren Erlöser und Heiland haben kennenlernen dürfen. Wir sollten uns auf solchen Glaube keinem gegenüber etwas einbilden, vor allem auch Juden gegenüber nicht. Keiner soll so tun, als sei der Glaube sein eigenes Verdienst. Stattdessen kommt es für jeden darauf an, daß wir uns der Güte und Gnade Gottes, die uns in Jesus Christus entgegenkommt, immer neu und von ganzem Herzen anvertrauen.


Flensburg online Predigt zum Verhaltnis von Juden und Christen (M. Dahl)

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