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Flensburg online: Ansprache zur 18. Ökumenischen St.Ansgar-Vesper
  St.Ansgar-Vesper
Vorweggenommene Einheit:
St. Ansgar Vesper
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Flensburg online: Pastor Gräve
Pastor Udo Gräve
von der Ev. Luth. St. Marien Kirche zu Flensburg


Das tägliche Bibelwort der Evangelischen Allianz Flensburg und von weiteren Pastorinnen und Pastoren aus Flensburg und Umgebung bei "Flensburg online"
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Die Wurzel des Christentums ist Jesus Christus allein
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Das besondere
Jahr 2000
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Mehr Liebe, mehr Gerechtigkeit, mehr Frieden

  
     Bei der 18. Ökumenischen St.Ansgar Vesper in Flensburg am 3. Februar 2000 in der römisch katholischen Pfarrkirche St.Marien Schmerzhafte Mutter, an der drei Chöre und 26 Priester, Pastoren und Pastorinnen aus 10 verschiedenen Kirchengemeinschaften beteiligt waren, hielt Pastor Udo Gräve von der Ev. Luth. St. Marien Kirche in Flensburg die Ansprache

Der Text: Jesaja 61, 1 3:

Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, daß sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Vergeltung unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, zu schaffen den Trauernden zu Zion, daß ihnen Schmuck statt Asche. Freudenöl statt Trauerkleid, Lobgesang statt eines betrübten Geistes gegeben werden. daß sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise.



Liebe Schwestern und Brüder,

"Wurzeln und Visionen" heißt die Gottesdienstreihe im ZDF für dieses Jahr 2000. Um "Wurzeln und Visionen" geht es auch hier in dieser St. Ansgar Vesper.

Dankbar denken wir heute an den hl. Ansgar und an die Missionare nach ihm, die die frohe Botschaft von Jesus Christus hierher in unser Land brachten. Sie haben die Wurzel eingepflanzt in den Boden dieses Landes.

Denn der hl. Ansgar und die ihm folgten hätten sich dagegen gewehrt, hätte man sie als die Wurzel der Kirche verstanden. Die Wurzel des Christentums ist Jesus Christus allein, ist allein der, auf dem der Geist des Herrn ruht, der Gesalbte Gottes, den Gott gesandt hat, den Elenden gute Botschaft zu bringen, zerbrochene Herzen zu verbinden, den Gefangenen die Freiheit zu verkünden und den Gebundenen, daß sie frei und ledig sein sollen.

Der Grund der Kirche ist Jesus Christus allein

      Es war in einer Messe im katholischen Marien Dom in Linz an der Donau, als ich hörte, wie in der Predigt ausgeführt wurde, daß der Grund der Kirche nicht das Amt, nicht die Tradition, sondern Jesus Christus allein ist. Wie nahe sind wir uns doch schon gekommen! Er ist der Grund der Kirche, der ein gnädiges Jahr des Herrn verkünden sollte, einen Tag der Vergeltung, nein, einen Tag der Vergebung unseres Gottes, zum Trost der Trauernden, um Trauer in Freude zu verwandeln, Resignation in Hoffnung, Müdigkeit in Zuversicht.

Kein betrübter Geist soll uns beherrschen, sondern er will uns den Mund öffnen zum Lobgesang. Und genannt werden sollen wir "Bäume der Gerechtigkeit" und "Pflanzung des Herrn", Gott zu Lob und Preis.

2000 Jahre sind vergangen seit der Geburt dessen, der in der Synagoge von Nazareth die Schriftrolle des Propheten Jesaja nahm und zu diesen Versen sagte: "Dieses ist erfüllt vor euren Ohren." Seit 2000 Jahren ist er der Messias Israels und das Licht der Völker, ist er derjenige, in dem Gott selbst Mensch wurde auf dieser Erde.

Das besondere Jahr 2000

      VUnd so ist dieses Jahr schon ein besonderes Jahr und diese St. Ansgar Vesper des Jahres 2000 schon eine besondere Vesper. Mag mancher von uns das Wort "Millennium" schon nicht mehr hören können: Das Jahr 2000 bleibt ein besonderes Jahr, ob wir das wollen oder nicht. In der katholischen Kirche wird es als heiliges Jahr begangen, und es ist schön, daß bei der Öffnung der hl. Pforte in St. Paul vor den Mauern der Papst auch die Vertreter der anderen Kirchen eingeladen hatte ein Zeichen des guten Willens und der Hoffnung auf Überwindung des Trennenden.

Mag für den katholischen Christen das Durchschreiten dieser Türe noch etwas anderes bedeuten, so ist doch das gemeinsame Öffnen einer Tür ein wunderschönes Symbol voller Hoffnung für die Zukunft. Vielleicht wird es ja im 3. Jahrtausend wirklich gelingen, gemeinsam Türen aufzustoßen in Richtung auf die Einheit der Kirche, aber auch zu mehr Liebe, zu mehr Gerechtigkeit und zu mehr Frieden in dieser Welt. Dankbar dürfen wir dieses Jahr miteinander begehen, und wie wir es auch verstehen: Wie jedes Jahr ist und bleibt es ein "Jahr des Herrn", ein Jahr seiner Gnade, ein Jahr seiner Vergebung, ein Annus Domini.

Visionen des hl. Ansgar

   Damit sind wir schon beinahe bei den Visionen. Aber "Wurzel und Visionen", die gehören zusammen, vor allem beim hl. Ansgar. Denn sein Leben und Wirken war von Anfang an von visionären Erlebnissen begleitet. Ansgar erlebte diese Visionen an entscheidenden Wendepunkten seines Lebens und seine Missionstätigkeit.

Eine Lichtvision zeigte ihm seine Lebensaufgabe auf. Ansgar sieht sich versetzt in den Raum, in dem die Chöre der Heiligen versammelt sind. Im Osten erstrahlte ein überwältigender Glanz, eine wunderbare Lichtquelle verströmte eine wohltuende, nicht blendende Helligkeit und Klarheit. Aus diesem Licht hört Ansgar eine Stimme: "Gehe hin; mit der Märtyrerkrone geschmückt wirst Du zu mir zurückkehren."

Und in einer anderen Vision vergibt ihm diese Stimme aus dem Licht seine Sünde und antwortet auf die Frage Ansgars, was er denn tun solle: "Geh hin und verkündige den Heiden das Wort Gottes." Auch später werden vor wichtigen Entscheidungen Ansgar immer wieder solche visionären Erlebnisse zuteil.

Wurzel und Visionen gehörten also schon ganz von Anfang an zusammen.

Kirchenglocken im heidnischen Land

   Natürlich auch in einem übertragenen Sinn. Denn die Missionstätigkeit des heiligen Ansgar und seiner Nachfolger ist ja gar nicht zu verstehen ohne die Vision, daß hier im Lande der germanischen Götter, der Runensteine und heiligen Haine einmal Kirchenglocken läuten werden, die die Menschen zusammenrufen zum Hören der Botschaft Jesu Christi, zu Wort und Sakrament. Ohne eine solche Vision hätte dieses mühsame und oft auch gefährliche Unterfangen gar nicht begonnen werden können.

Die Wolke der Zeugen

Viele Menschen folgten der Spur des heiligen Ansgars. Wenn wir zurückblicken, sehen wir dankbar die "Wolke der Zeugen", aller Menschen in der Geschichte des christlichen Glaubens, die uns etwas bedeuten, denen wir viel verdanken. Auch evangelische Christen denken gern an den hl. Nikolaus und an den hl. Martin, an Hildgard von Bingen oder an den Bruder Franz von Assissi. Aber natürlich auch an Martin Luther, Melanchthon und Bugenhagen, an Wichern und Bodelschwingh, und an Albert Schweitzer und Oscar Romero, an Martin Luther King und Schwester Teresa, vor allem aber an die Menschen, die jedem von uns den christlichen Glauben nahe gebracht haben: Großeltern, Eltern, Pfarrer, Lehrer, Freunde oder wer auch immer. Jeder von uns wird da seine ganz persönlichen Heiligen haben, Christen, die ihm Vorbild und Beispiel geworden sind.

Sie alle bilden die "Wolke der Zeugen", sie bilden diesen unendlich langen Zug der Menschen aus allen Völkern und aus allen Jahrhunderten, die in Jesus Christus das Licht der Welt, den Gesalbten Gottes bekennen und ihn loben.

Die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre

   Sie alle haben etwas davon gespürt, daß seine Botschaft von Herzen froh macht, daß er uns die Vergebung Gottes bringt und uns zu Söhnen und Töchtern Gottes macht, ganz ohne unser Verdienst, allein aus Gnade. Er schenkt uns Gottes Liebe, Gottes Barmherzigkeit, er macht uns vor Gott gerecht und gut.

Voller Dankbarkeit blicken wir zurück auf den 31. Oktober des vergangenen Jahres, als in Augsburg die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet wurde, ein großer Schritt in Richtung auf die Einheit der Kirche, den viele wohl gar nicht erwartet haben und der seine verändernde Kraft auch noch gar nicht entfaltet hat.

Positive Entwicklungen im Verhältnis zwischen den Kirchen

   Und indem wir uns an die Unterzeichnung dieser gemeinsamen Erklärung erinnern, stellen wir dankbar fest, wie positiv sich das Verhältnis zwischen den Kirchen vor allem in den vergangenen 50 Jahren entwickelt hat.
Vieles, was heute selbstverständlich ist und kein Aufsehen mehr erregt, wäre doch vor 50 Jahren noch gar nicht vorstellbar gewesen. Auch ich hätte vor 21 Jahren, als ich hierher nach Flensburg kam, mir nicht träumen lassen, daß ich den Gottesdienst zum Martinstag 1999 zusammen mit Schwester Johanne hier in dieser Kirche gestalten würde.
Gern erinnere ich mich an das 100 jährige Jubiläum dieser Kirche, gern erinnern sich unsere Senioren an den Besuch hier und an den Besuch der Senioren der katholischen Pfarrkirchengemeinde bei uns.
Evangelische Christen nehmen an den Exerzitien im Alltag hier teil, katholische Christen an den Bibelabenden bei uns.
Hieß es vor 21 Jahren über das Verhälntnis zur katholischen Kirche: "Wir tun uns nichts; aber wir haben auch nichts miteinander", so haben wir doch jetzt eine ganze Menge miteinander, das kann man noch ausbauen, natürlich, aber zunächst einmal ist das Grund zur Freude.

Dieses Jahr sollte vielleicht auch in diesem Sinne ein besonderes Jahr sein, daß wir nicht immer nach dem Haar in der Suppe suchen, nicht immer jammern über das, was noch nicht möglich ist, nicht das groß machen und aufbauschen, was uns beschwert und natürlich gibt es davon eine ganze Menge, das sei hier gar nicht verschwiegen, sondern voller Dankbarkeit das Maß an Gemeinsamkeit erkennen, das uns schon geschenkt ist. Das gemeinsame Lob und der gemeinsame Dank, die sollten im Mittelpunkt stehen, wenigstens in diesem Jahr, und dann auch wie bei Ansgar verbunden mit der Vision, wie es weitergehen könnte.

Vielleicht sind wir eines Tages katholisch und evangelisch

   Im vergangenen Jahr sagte mir Bischof Dr. Jaschke im Gespräch: "Vielleicht wachen wir eines Tages auf und sind katholisch und evangelisch" und orthodox, möchte ich ergänzen.
Denn das gehört auch zu den Dingen, für die wir dankbar sein können: Wir sehen heute sehr viel besser als vor 50 Jahren die Stärken der einzelnen Kirchen und daß sie sich gut ergänzen: Für mich ist die orthodoxe Kirche in erster Linie die Kirche der Anbetung und der Liturgie, die Feier der Osternacht haben wir durch die katholische Kirche, aber auch entscheidend durch die orthodoxe Kirche wieder gelernt. Die katholiche Kirche ist für mich in erster Linie die Kirche der Eucharistie und auch vieler Symbole, und da lernen wir auch eine ganze Menge. Unsere Kirche versteht sich als die Kirche des Wortes, der Predigt, aber auch der Kirchenmusik. Und wir sehen voller Freude, daß auch andere von uns lernen.

Versöhnte Verschiedenheit

"Einheit der Kirche" kann nicht heißen, daß wir diesen Reichtum unterschiedlicher Traditionen aufgeben und alles und alle gleichmachen. Die "Bäume der Gerechtigkeit" und die "Pflanzung des Herrn" müssen keine Monokultur darstellen. Monokulturen sind für den Boden schädlich und für das Auge äußerst langweilig. Die Vision kann sein die "Einheit in versöhnter Verschiedenheit". Denn nicht das beschwert uns, daß wir unterschiedliche Traditionen haben, sondern daß wir uns nicht gegenseitig als gleichberechtigte Schwestern und Brüder anerkennen und daß unter unseren Streitigkeiten die Glaubwürdigkeit der christlichen Verkündigung leidet. Angesichts einer Welt, die gerade in Europa, gerade auch hier in unserem Land wieder mehr zum Missionsgebiet wird, können wir uns solche Querelen einfach nicht mehr leisten.

St. Ansgar Vesper Abbild einer künftigen Realität

Darum ist mir diese St. Ansgar Vesper so wichtig. Sie ist Abbild einer Realität, die eigentlich erst noch Wirklichkeit werden soll. Sie stellt uns schon jetzt diese Einheit in versöhnter Verschiedenheit vor Augen, die wir noch gar nicht haben. Sie verbindet die dankbare Erinnerung an unsere Wurzeln mit der Vision der Einheit und dankt Gott für den, der allein den Grund und die Wurzel unseres Glaubens darstellt und zugleich immer der auf uns zukommende Herr ist.

Wie den hl. Ansgar ruft er auch uns in seinen Dienst und steht immer neu vor uns als unser Heil und unsere Hoffnung. Er bleibe bei uns in Zeit und Ewigkeit. Amen.

Der Originaltext wurde von Pastor Matthias Dahl mit den Überschriften versehen.

Flensburg online Ansprache zur 18. Ökumenischen St.Ansgar-Vesper / Feb-2000
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