Der Coburger Rückert-Preis wandert durch die Regionen des Nahen und Mittleren Ostens, aus deren Sprachen Friedrich Rückert (1788 – 1866) übersetzte.
Damit ehrt die Stadt Coburg den großen Dichter und Orientalisten, der sich in Neuses bei Coburg niederließ. Gleichzeitig setzt der Preis ein Zeichen für den Brückenschlag zwischen den Kulturen und Literaturen unserer Zeit.
Der Coburger Rückert-Preis ist mit 7.500 € dotiert und wird in zweijährigem Turnus vergeben. Nachdem der 1. Coburger Rückert-Preis 2008 an einen arabischen Autor verliehen wurde, nämlich den ägyptischen Romancier Alaa al-Aswani, ist der 2. Coburger Rückert-Preis 2010 für persische Literatur vorgesehen.
Die persische Literatur bildete einen besonderen Schwerpunkt in Rückerts dichterischem Schaffen; Rückert übertrug unter anderem die persischen Klassiker Firdausi, Saadi, Rumi und Hafis („Östliche Rosen“).
Preisträger des 2. Coburger Rückertpreises wird Essmâ’il Cho’i. Essmâ’il Cho’i ist einer der großen alten Herren der modernen iranischen Poesie und einer der letzten lebenden Repräsentanten der zweiten Blüte der persischen Lyrik. Vor dem Hintergrund profunden Wissens um die klassische persische Dichtung, die auch Rückert so faszinierte und die er so meisterhaft übertrug, erschafft Cho’i neue Bilderwelten für die ernste äußere und innere Welt seiner – unserer – Gegenwart.
Dabei ist er so vielseitig wie kaum ein anderer Dichter: Politische und melancholische, Liebes- und Naturpoesie sind bei ihm zu finden, oftmals bildersprachlich ineinander verwoben, doch niemals in sich gefangen.
Obwohl Cho’i schon lange im Exil lebt, ist seine Heimat Iran in seinen Gedichten immer präsent, sei es in der Thematik, sei es im impliziten Bezug auf die dichterischen Traditionen.
Gleichwohl weist sein Werk über diese enge Bindung hinaus: In seinem gesamten Werk klingen Reflexionen über die condition humaine mit, die Leser weit über den persischen Kulturkreis hinaus zu faszinieren vermögen. Cho’i eröffnet mit seiner imaginativen Radikalität neue Räume des Bewusstseins, die er reich, aber immer mit glasklarer sprachlicher Präzision ausgestaltet. Cho’is Lyrik ist, in einem Wort, intelligent.
Essmâ’il Cho’i wurde im Jahre 1938 in Maschhad geboren. Er studierte Philosophie in Teheran und London. Nach Abschluss seines Studiums war er eine Zeitlang in Teheran als Hochschullehrer tätig. Da er sich als eines der Gründungsmitglieder des Schiftsteller¬verbandes von Iran aktiv für die Gedanken- und Meinungsfreiheit einsetzte, wurde er als dem Schah-Regime missliebig aus dem Staatsdienst entlassen. Nach der islamischen Revolution sah er sich einem noch repressiveren System gegenüber. Bald musste er in den Untergrund gehen, wo er sich zwei Jahre lang verborgen hielt, bevor er 1983 nach England floh. Er lebt bis heute in London. Dort hat er sich immer wieder als eine der mutigsten Stimmen gegen die islamische Tyrannis geäußert und z. B. seine Solidarität mit Salman Rushdie und Taslima Nassrin bekundet.
Essmâ’il Cho’is Werke sind in deutscher Übersetzung in folgenden Titeln zu finden:
Der Wind wird uns entführen. Moderne persische Dichtung. Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Kurt Scharf. Mit einem Nachwort von SAID, München (Verlag C. H. Beck) 2005. / Noch immer denke ich an jenen Raben. Lyrik aus Iran, Stuttgart (Radius-Verlag) 1981. / Gesteht’s! die Dichter des Orients sind größer. Persischsprachige Literatur, Berlin (Das Arabische Buch) 1991 / Name blau Farbe der Augen keine. Literatur aus dem fremden Abendland, Berlin (Haus der Kulturen der Welt und Das Arabische Buch) 1992 / Die Außenseite des Elements N° 9, Non Profit Art Movement, Berlin und New York 2000. /liga-report, Nr. 30 – Oktober 2009 Sonderausgabe zu den Ereignissen nach den Wahlen (herausgegeben von der Liga zur Verteidigung der Menschenrechte in Iran), Berlin 2009.
Mit der Vergabe des 2. Coburger Rückert-Preises an den Dichter Essmâ’il Cho’i wird auch die persische Poesie allgemein – und die moderne persische Dichtung im besonderen – ins Blickfeld der literarisch interessierten Öffentlichkeit gerückt.
Es ist noch nicht lange her, dass Poesie in Iran als Synonym für Literatur galt, literarische Prosa folgte mit langem Abstand nicht nur in der Wertschätzung gelehrter Literaturkenner, sondern auch in der Gunst der allgemeinen Leserschaft. Die erzählende Prosa begann sich in größerem Umfang erst in den 1960er Jahren zu etablieren, und erst in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts begannen Kurzgeschichten und Romane mit der Poesie gleichzuziehen. In Deutschland dagegen spielt die erzählende Prosa schon lange die dominante Rolle. Die Poesie fristet, obgleich in mündlichem Vortrag und auf Leseabenden durchaus populär, auf dem deutschen Buchmarkt ein Schattendasein. Es steht dem Coburger Rückert-Preis im Sinne seines Namengebers gut an, diesem Trend nicht zu folgen, sondern an der Förderung der Poesie aktiv – auch gegen den Strom – mitzuwirken.
Die Jury des 2. Coburger Rückertpreises bildeten die Universitätsdozentin und Expertin für iranische Literatur, PD Dr. Roxane Haag-Higuchi (Bamberg), der Übersetzer und ehemalige Leiter der Sprachabteilung des Goethe-Instituts Teheran, Kurt Scharf (Berlin), der deutsch-iranische Publizist Dr. habil. Navid Kermani (Köln) als externer Berater sowie die Orientalistin Dr. Claudia Ott (Erlangen) als Juryvorsitzende.
Die Shortlist mit den Namen der vier Nominierten Mohammad-Resâ Schafi’i-Kadkani, Essmâ’il Cho’i, Moniru Ravânipur, Schahriar Mandanipur wurde am 31. Januar 2010, dem 144. Todestag des Dichters Friedrich Rückert, im Coburger Ämtergebäude bekannt gegeben. Der 2. Coburger Rückert-Preis wird an Friedrich Rückerts 222. Geburtstag, am 16. Mai 2010 um 16 Uhr mit einem Festakt in der Coburger Ehrenburg verliehen.
Der Coburger Rückert-Preis wird von der Stadt Coburg ausgelobt und ist deshalb im Internet auf den Seiten der Stadt Coburg zuhause. Auf den Seiten des Coburger Rückert-Preises werden die Preisträger, die Juroren und die Zielsetzung des Preises ebenso aktuell wie langfristig dokumentiert.



