Atlas

Ich kannte mal ein Mädchen in Hamm

Von Hamburg-Harburg sind es über die Autobahn nach Hamm 301 Kilometer. In 2 Stunden und 12 Minuten würde ich da sein. Die Berechnung meiner Routenplanung durch "D-Atlas" ergab als Gesamtkosten für Benzin und Auto 42 Mark.
Haare frisch gewaschen. Die Jumbo-Packung Präservative dabei. Und natürlich meine 5-Liter-Flasche Kräutermundwasser. Die wilde Hildegard wird sich freuen, wenn ich plötzlich bei ihr vor der Tür stehe. Ging ja auch so irgendwie nicht weiter. Bei aller Computer-Verrücktheit muß es manchmal doch mehr sein als Maus und Joystick. Und das Windows 95 kann mich bei allen tollen Features nicht in den Arm nehmen.

Irgendwie muß es an der aufgeregten Vorfreude gelegen haben. Ich kurvte aus Versehen die Autobahnausfahrt Beckum runter und kam nach Lipporg. Lipporg ist ein feines Städten, so wie Oestinghausen wo ich dann komischerweise landete.
Aber außer der Verkäuferin an der Imbißstube, die ihre besseren Zeiten seit einem halben Jahrhundert hinter sich hat, kein weibliches Wesen weit und breit. Zum Glück hat "D-Atlas" in seinen 104 Bereichskarten über 14.000 Orte erfaßt. Über die Bundestraße 61 und Uentrop kam ich endlich nach Hamm.
Aber die wilde Hildegard hatte in der Zwischenzeit einen Verkäufer aus der Möbelabteilung von Karstadt geheiratet. Wir tranken zu dritt einen Kaffee, und ihr Mann gab mir einen Schnellkurs über den Unterschied zwischen furnierter Eiche und aufgeleimter Kunststoffe für Westdeutschlands Möbelindustrie. Hoch interessant, aber nicht das, was ich so dringend brauchte.

Ich kannte mal ein Mädchen in Wetzlar. Die Frau ist zwar überhaupt nicht mein Typ. Aber von Hamm nach Wetzlar sind es über Bundesstraße nur 174 Kilometer. Sie ließ mich nicht in ihre Wohnung, weil - ich müßte das verstehen - ich nunmal überhaupt nicht ihr Typ sei. Und damals? Damals hätte sie halt dringend jemanden gebraucht.

Egal. Denn ich kannte mal ein Mädchen in Stuttgart. Runter bis nach Karlsruhe, dann rüber nach Stuttgart. Kürztester Weg auf der Autobahn: 240 Kilometer. Außerdem hat "D-Atlas" für die Routenplanung neben 23 anderen Stadtplänen auch einen von Stuttgart; ich werde also keine Probleme haben. Aber Wally war letztes Jahr ins Kloster gegangen wie mir ihre Nachmieterin erzählte. Und die Nachmieterin drückte mir gleich ein Werbeblatt der katholischen Metzgerinnung in die Hand.

Ich kannte mal ein Mädchen in Aachen. Die hatte zwar immer so verrückte Ideen, aber von Stuttgart nach Aachen sind es nur 400 Kilometer. Also knapp drei Stunden Fahrzeit. Das ging flott. Dann aber zwei Stunden Small-Talk mit Ingrid. Danach erläuterte sie mir, warum der amerikanische Präsident ein Außerirdischer sein muß, der in einer verschwörerischen Zusammenarbeit mit Top-Leute der östlichen Geheimdienste die gesamte Gummibärchen-Produktion mit bewußtseinsschädigenden Drogen versetzt, damit wir alle freiwillig in die nächstes Jahr landenden UFOs einsteigen und uns als Schlachtvieh zum Jupiter transportieren lassen.
Das hörte ich mir noch mit stoischer Ruhe und freudiger Erwartung an. Als Ingrid aber dann noch die näheren Umstände für die Gehirnwellen-beeinflussenden Strahlensender, die man in alle Fernsehgeräte eingebaut hat, um uns das Erkennen all dieser Zusammenhänge zu erschweren, erklärte, war es nicht nur schon früher Morgen geworden, sondern in mir war auch alles abgestorben. Ingrid ging zur Arbeit. Ich spielte noch ein bißchen in der Europa-Karte von "D-Atlas" herum.

Ich kannte mal ein Mädchen im dänischen Vejle. Und bei den mehr als 4.000 Orten in Europa der CD-ROM war Vejle auch dabei. Von Aachen nach Vejle sind es 744 Kilometer. Ich würde 8 Stunden und 10 Minuten unterwegs sein. Aber schon damals hatte sie mir gesagt, daß es so dicke gar nicht kommen könnte, als daß sie es mit mir noch mal probieren würde.
Ich fuhr frustriert zum Hauptbahnhof und kaufte mir zum Trost die neue Ausgabe der PC-PRAXIS. Immerhin etwas.

D-Atlas, Routenplanung
Autobahnen, Bundes- und Landstraßen
TopWare, Mannheim, DM 49,95

knanej