Urlaub
beim Lieben Gott
DIE
Unterkunft ist vielleicht sechs Meter im Quadrat, ausgestattet als
Wohnraum, Schlafzimmer und Küche, dazu ein Bad von der Größe
eines Einbauschrankes. Von seiner Eigentumswohung unterscheidet sie
sich so, wie eine Suppenküche vom Hotel "Hilton".
In den ersten Stunden habe er ständig den Whirlpool vermisst,
sagt der Mann in dem makellosen "Armani"-Anzug, an dessen
Handgelenk eine "Rolex" baumelt. Aber dann habe er schnell
erkannt, dass in dieser Umgebung andere Quellen sprudelten, und jetzt
erlebe er geistige Wellness. Normalerweise sitzt der 55-Jährige
hinter einem Schreibtisch in einem Bankhaus.
Für fünf Tage hat er die Aussicht auf den Hamburger Hafen
mit dem Blick auf die dreigeschossige Treppenanlage im Stift Göttweig
in Österreich vertauscht.
IMMER
mehr Menschen nehmen eine Auszeit von ihrem Normalleben. Über
1000 sind es allein in dem Benediktiner-Stift in der Alpenrepublik.
"Zu uns kommen Menschen aus allen Schichten, darunter sind immer
wieder Leute, die wenig Beziehung zur Kirche haben", berichtet
Pater Clemens Reischl (61). Der Leiter des Exerzitienhauses
hat bei allen Besuchern eine Gemeinsamkeit festgestellt: "Sie
sehnen sich nach Stille und Schweigen."
Auch
in der Schweiz und in Deutschland geht 2001 der Trend zur "Vollpension
beim lieben Gott".
Die Vereinigung der Deutschen Ordensoberinnen in Neuwied kennt die
Gründe: "Sich entspannen, zur Ruhe kommen, neue Kräfte
sammeln, die innere Mitte finden, Gott erfahren das sind zunehmend
Bedürfnisse von Menschen in einer laut gewordenen und hektischen
Welt." Bei der Vereinigung Deutscher Ordensoberer in Bamberg
heißt es: "Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand Atheist
oder engagierter Christ ist."
IN
den meisten Klöstern können Besucher an den Gebetszeiten
und gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen, dazwischen ist genügend
Zeit für Gespräche und Meditationen.
Wichtige Voraussetzung: Der Gast muss mit sich selbst gut zurechtkommen
und das Alleinsein verkraften können. "Am Anfang sollte
man aber sich für Besinnungstage oder Kurse entscheiden, die
von einem Experten für Fragen des geistlichen Lebens begleitet
werden", steht in einer Empfehlung des Bistums Mainz. So bekomme
man eine Anleitung, wie man innerlich ruhig werden und mit den Fragen,
die dann oft aufbrechen, umgehen kann. "Es ist nämlich gar
nicht so leicht, mit sich selbst allein zu sein."
MUSS
auch nicht immer sein. Wer zum Beispiel im Augustiner-Stift Reichersberg
(Österreich) ein paar Tage Urlaub macht, kann sich im gemeinschaftlichen
Trachten-Nähen, Möbel-Restaurieren und in der Hinterglasmalerei
versuchen. Die Propstei St. Gerold im Großen Walsertal hat sich
zu einer internationalen Begegnungsstätte mit T´ai Chi-,
Zen- und Fastenprogrammen gemausert.
Die Kosten (Übernachtung mit Vollpension) belaufen sich
überall in den Klöstern auf 70 bis 120 Mark pro Tag, manche
Häuser haben aber keinen festen Satz, sie stellen den Betrag
frei.
BEIM
Urlaub bei Nonnen und Mönchen muss nicht immer die Neuzeit und
der Luxus zu kurz kommen: Im Kloster Dornach (Schweiz) gibt es längst
Computer- und Faxanschlüsse, auch ein CD-Player steht im Musikzimmer
bereit. Und im Klosterhotel "Ludwig der Bayer" (nach seinem
Gründer Kaiser Ludwig benannt) kann man geradezu kaiserliche
Ferientage genießen: Zum Klostergelände gehören ein
Hallenbad und vier Tennisplätze.
DAVON
kann man in dem österreichischen Stift Göttweig allerdings
nur träumen. "Dort haben noch nicht einmal alle Gästezimmer
ein eigenes WC", sagt der Bankmanager aus Norddeutschland. Dabei
lächelt er aber, als hätte er seit 30 Jahren nicht mehr
gelächelt.
Alf
Rolla