Es wird spannend: 
Am Donnerstag wird der Euro-Kurs festgelegt

Es ist schon einige Wochen her, da teilte mir meine Bank mit, daß "mit dem heutigen Tag mein Girokonto in zwei Währungen" geführt wird. Nämlich in D-Mark und in Euro. Toll dachte ich mir, schaltete den Computer an und wollte sogleich online meinen Kontostand in Euro abfragen. Ich war ob der Anzeige auf dem Monitor ziemlich enttäuscht. Zwischen dem Betrag in Mark und Pfennig und dem in Euro und Cent gab es keinen Unterschied. Kein Wunder: Der offizielle Kurs des Euro wird ja erst an diesem Donnerstag in Brüssel festgelegt. Damit wird bestimmt, wieviel ein Euro in D-Mark wert ist. Voraussichtlich wird dieser Kurs etwas unter 1,96 DM für einen Euro liegen. Um Mitternacht startet dann die Währungsunion für rund 290 Millionen Menschen in elf Ländern Europas. Die D-Mark verliert damit nach 50 Jahren und 195 Tagen ihre Stellung als selbständige Währung. Rechtlich ist die D-Mark künftig nur noch ein anderer Name für Euro. Für die Verbraucher ändert sich zunächst wenig, denn als Bargeld werden Mark und Pfennig erst im Jahr 2002 von Euro und Cent abgelöst. Die Prozedur in Brüssel beginnt gegen 11 Uhr. Dann schalten sich die Chefs der nationalen Zentralbanken und der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) in einer Videokonferenz zusammen und stellen die letzten Marktkurse der nationalen Währungen zum Dollar fest. Diese Kurse werden um 11.30 Uhr an die EU-Kommission in Brüssel geleitet, die daraus den Wert der elf Teilnehmerwährungen in Ecu errechnet. Um 12.15 Uhr setzen der Präsident der EU-Kommission, Jacques Santer, und Währungskommissar Yves-Thibault de Silguy ihre Unterschriften unter ein Papier, mit dem sie die Kurse dem EU- Ministerrat zur Entscheidung unterbreiten. Um 12.30 Uhr kommen die Wirtschafts- und Finanzminister zu einer zeremoniellen Sitzung im Gebäude des EU-Ministerrats zusammen. Ihre Zustimmung ist Formsache. Ja, und dann wird endlich auch auf meinem Girokonto der Betrag in der Spalte "DM" ein anderer sein als der in der Spalte "Euro". Bleibt zu hoffen, daß der Euro genauso stabil wie die Mark wird. 

Der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) hat daran aber keinen Zweifel. Im InfoRadio Berlin-Brandenburg sagte Waigel am Mittwoch: «Wir haben uns zehn Jahre intensiv vorbereitet.» Er habe immer gesagt, der Euro komme nur, wenn er so stabil ist wie die D-Mark. Das sei der Fall. «Wir haben eine Stabilität in den Ländern, die den Euro einführen, wie nie zuvor», unterstrich Waigel. Die dreijährige Übergangszeit bis zur endgültigen Einführung der neuen Währung ist nach Einschätzung von Waigel notwendig, weil es zum Prägen der Münzen und zum Drucken der Scheine einer gewissen Zeit bedürfe. Auch müsse das neue Geld fälschungssicher sein. «Ich glaube, es ist auch gut, wenn die Menschen merken, die Stabilität der D-Mark ist nicht vorbei, sondern sie geht ein in den größeren Währungsverbund», meinte Waigel. Insofern brauche niemand Angst um seine Ersparnisse zu haben. Den Menschen müsse man immer wieder sagen, daß dies «keine Währungsreform, sondern eine Währungsumstellung mit dem Verhältnis von etwa eins zu zwei» sei. 

Wenngleich am 1. Januar 1999 die Europäische Währungsunion beginnt, wird der 4. Januar noch viel aufregender werden. Dann nämlich werden an den deutschen Börsen erstmals alle Aktien und Anleihen nur noch in Euro notiert. Bis längstens 30. Juni 2002 dürfen nationale Währungen und der Euro nebeneinander im Umlauf sein. Wie lange dieser Übergangszeitraum tatsächlich sein wird, steht noch nicht fest. 



Welche Vorteile bringt der Euro?

Ein vordergründiger Vorteil liegt sicher darin, daß Touristen in Frankreich oder Österreich kein Geld mehr tauschen müssen. Dies allein wäre allein kaum Grund für eine Währungsunion.  Der eigentliche Vorteil der Währungsunion wird sein, daß ein großer Wirtschaftsraum mit gemeinsamer Währung entsteht, der ein Gegengewicht zum amerikanischen und asiatischen Raum darstellt. Gerade Deutschland als Exportnation würde davon profitieren.



Welche Gefahren bringt der Euro?

Innerhalb der Währungsunion könnten die Zinsen erst einmal steigen, wenn die neue Notenbank die Zinsen erhöht, um die Währung für internationale Anleger attraktiv zu machen.  Wenn Gewerkschaften und Regierungen die zu erwartende Stabilitätspolitik der Europäischen Zentralbank nicht akzeptieren, droht Europa im schlimmsten Fall durch hohe Zinsen in die Rezession abzugleiten. Dann könnte in einzelnen Ländern bei steigender Arbeitslosigkeit und explodierenden Staatsschulden der Ruf nach Unterstützungszahlungen laut werden.



Wie sieht das neue Geld aus?

Mark und Pfennig werden von EURO und Cent abgelöst. Dabei soll es acht Münzen geben: ein, zwei, fünf, zehn, zwanzig und fünfzig Cent sowie ein und zwei EURO. Die 1-Cent-Münze soll so groß wie der Pfennig, die 2-Euro-Münze etwas kleiner als das 5-Mark-Stück sein.  Entwürfe für die neuen Banknoten wurden vom Europäischen Währungsinstitut in Frankfurt bereits vorgestellt. Anders als die Münzen werden die Scheine europaweit einheitlich sein. Den Designern waren zwei Themen vorgegeben: "Zeitalter und Stile in Europa" und „Moderne Motive".



Wie denken die Deutschen über den Euro?

Kurz vor dem Start der Europäischen Währungsunion überwiegt bei den Deutschen die Skepsis gegenüber der neuen Währung. Die Zustimmung zum Euro nimmt auf niedrigem Niveau aber etwas zu. In einer Umfrage aus dem Herbst stellte das Emnid-Institut eine Zunahme der Akzeptanz um zehn Prozentpunkte seit dem Jahresanfang fest. Die Befürworter waren mit 36 Prozent aber noch immer in der Minderheit. 60 Prozent der Befragten erwarteten Nachteile von der neuen Währung. Dagegen sind 73 Prozent der Unternehmen für den Euro.



Wie denken die Briten über den Euro, die vorerst nicht mitmachen bei der Währungsunion?

Eine große Mehrheit der Briten hat bereits akzeptiert, daß London «früher oder später» der europäischen Einheitswährung beitreten muß. Unabhängig von ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen sei eine solche Entwicklung «unvermeidlich», meinten 80 Prozent der Befragten in einer am Dienstag im «Daily Telegraph» veröffentlichten Meinungsumfrage des Gallup-Instituts. Nach Ansicht von 73 Prozent der rund 1 000 Befragten hat sich die Labour-Regierung von Premierminister Tony Blair bereits für einen Euro-Beitritt entschieden. Deshalb solle die Regierung nach Meinung von 87 Prozent der Briten jetzt auch offen ihre Haltung bekanntgeben, anstatt an ihrer Abwartehaltung festzuhalten. 



Was ändert sich mit dem Euro bei den Preisen und Mieten?

Wer bisher 3000 Mark netto monatlich verdient, verdient demnächst etwa 1500 Euro. Gleichzeitig zahlt er aber nicht mehr 1000 Mark Miete monatlich, sondern 500 Euro. Der Euro ist keine Währungsreform, sondern nur eine Währungsumstellung – Kaufkraftverluste wie bei einer Währungsreform gibt es nicht. Achten Sie darauf, daß Sie der Vermieter nicht übers Ohr haut: Die Miete muß zum festgelegten Umtauschkurs exakt von Mark auf Euro umgerechnet werden, und zwar auf zwei Stellen hinter dem Komma genau!



Wie wirkt sich der Euro auf Wertpapiere aus?

Sehr früh, schon ab 4. Januar 1999, lauten die Kursnotierungen an deutschen Börsen auf Euro. Der Dax-Indexwert ändert sich nicht, denn er ist mit seinem Punktesystem währungsunabhängig. Nur wird der Dax voraussichtlich einen großen Teil seiner Bedeutung an europäische Indizes abtreten: Es gibt einen Euro-Dow-Jones („Dow Jones Euro Stoxx"). Der Wert der Aktien ändert sich nicht. Eventuelle Umstellungen von bisher üblichen Nennwert-Aktien auf Quoten-Aktien (dem Aktionär gehört ein bestimmter Anteil des Grundkapitals) sind für den Aktionär ohne Belang. 



Was geschieht mit den 10-D-Mark-Sondermünzen, wenn der Euro kommt?

Die Gedenkmünzen verlieren ebenso wie alle anderen D-Mark- bzw. Pfennig-Münzen ihre Eigenschaft als gesetzliches Zahlungsmittel. Es bleibt nur der Sammlerwert, wenn Sie die Münzen nicht zum festgelegten Umrechnungskurs bei Ihrer Bank oder Landeszentralbank umtauschen.



Was passiert mit einer auf D-Mark abgeschlossenen Lebensversicherung nach der Einführung des Euro?

Zum 1. Januar 2002 werden die öffentlichen Versicherer alle auf D-Mark lautenden Lebensversicherungen automatisch auf Euro umstellen. Nach dem allgemein geltenden Umrechnungskurs umgestellt werden die Beiträge wie auch die spätere Versicherungsleistung (Garantiebetrag und Überschußbeteiligung). Das Preis-Leistungsverhältnis von Lebensversicherungen wird durch die Umstellung nicht berührt.



Ist zu befürchten, daß nach Eintritt in die Währungsunion Häuslebauer, Konsumenten oder Unternehmen mit steigenden Zinsen zu rechen haben? 

Auch ohne den Beitritt zur Währungsunion gibt es keine Garantie dafür, daß die Zinsen in Deutschland langfristig auf einem so niedrigen Niveau bleiben wie 1996/97. Bei der Umstellung ist nicht auszuschließen, daß sie sich zunächst auf einem möglicherweise etwas höheren europäischen Durchschnittsniveau einpendeln.  Generell gilt wird sich in der Europäischen Währungsunion ein einheitliches Zinsniveau bilden. Dies hat sich bereits im Vorfeld der EWU angedeutet. Unterschiede wird es - ähnlich wie heute schon in Deutschland - jedoch geben zwischen Schuldnern unterschiedlicher Bonität oder aus steuerlichen Gründen.



Freuen sich die Banker auf die Einführung des Euro?

Mit Garantie nicht! Wenn zum Jahreswechsel Millionen rauschende Feste feiern, werden mehrere tausend Bankangestellte nämlich vor ihren Computern sitzen und die letzten Weichen für einen reibungslosen Euro-Start zum Jahresbeginn 1999 stellen. Auch viele Beschäftigte der Europäischen Zentralbank (EZB), der Bundesbank und der Frankfurter Börse müssen am ersten Januar-Wochenende arbeiten. Am Silvestertag fiebern die Experten in den Bankenzentralen der Bekanntgabe des offiziellen Euro-Umrechnungskurses der elf Währungen entgegen. Diese Kurse werden am «Umstellungswochenende» rund um die Uhr in diverse Computersysteme eingegeben. Expertenteams fahren anschließend die Systeme für letzte Testläufe hoch. Sämtliche Geschäftsvorgänge müssen vom ersten Handelstag 1999 an in der neuen Währung abgewickelt werden können. Da zeitgleich an der Börse das Euro-Zeitalter eingeläutet wird, werden außerdem alle Wertpapierdepots umgeschrieben.


Bis zum Donnerstag

Ihr Roland Beck