Flensburg online: Fernsehen: Doku-Soap "Stadt der Träume" / Februar 2003
   

Rundum-Beobachtung
Doku-Soap
"Stadt der Träume"      
von Alf Rolla

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K L I C K S –

MDR

Stadt der Träume

Artern

Endemol

 

Stadt der Träume. Fernseh-Doku

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Hurra! Endlich möglich!
Einen Heimatforscher beim Wurstkauf beobachten!

Die Fernseh-Doku "Stadt der Träume" zieht alle Register zwischen Bildschirmschoner und Gähn-Sendung. Langeweile wird zum Kult erhoben – so das vernichtende Urteil eines Zuschauers.

DAMALS, also vor drei, vier Jahren, war die deutsche Fernsehwelt noch in Ordnung.
Shows mit Thomas Gottschalk, Günter Jauch oder Stefan Raab sicherten hohe Einschaltquoten.
Doch seit einiger Zeit trüben völlig Unbekannte wie ein ehemaliger Barkeeper, ein Ex-Schlosser oder eine etwas abgehalfterte Dachdeckerin die Welt der Showstars.
Eine neue TV-Serie ist neuerdings sogar Trostpflaster für die wunde Seele einer ganzen Stadt in Thüringen, Fachleute rechnen allerdings mit keinem großen Publikumserfolg.

"Spanner-TV"

   VOR gut drei Jahren startete der Münchner Sender RTL2, der bisher vor allem wegen seiner seichte Erotik-Sendungen für manche Aufregung bei Moralaposteln gesorgt hatte, die Show "Big Brother". Das Konzept von "Spanner-TV" (so Kritiker) sieht vor, dass zehn Frauen und Männer 100 Tage lang abgeschlossen von der Außenwelt in einem Wohncontainer leben und dabei rund um die Uhr durch 28 Kameras beobachtet werden. Weder Fernsehen, Radio, noch Zeitung oder Telefon sind in der Unterkunft erlaubt. Den Fernsehzuschauern wurden täglich Ausschnitte der Aufnahmen aus dem Container präsentiert. Sie entschieden über den Verbleib von Kandidaten in der Wohngruppe. Wer zum beliebtesten Teilnehmer an der Show gewählt wurde, gewann bisher am Ende der 100 Tage 250.000 Mark, demnächst sollen es zwei Leute mehr sein, die von den TV-Voyeuren beim Wohnen und Streiten beobachtet werden.

Fernseh-Beobachtung
einer ganzen Kleinstadt

Artern
Eine ganze Kleinstadt ist Star der TV-Sendung im MDR

   DIE Rundum-Beobachtungen kamen bisher besonders bei jungen Leuten zwischen 14 und 49 Jahren (Hauptzielgruppe der Werbewirtschaft) an, die Freude bei der Kölner Produktionsfirma "Endemol" konnte auch der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog nicht trüben, der in der Reihe eine "flächendeckenden Volksverdummung" sah.

Bei "Endemol" brütete man monatelang über eine "mindestens ebenso erfolgreiche" Nachfolgesendung. Schließlich fand man sie – oder auch nicht.

   DIE Idee: Eine ganze Kleinstadt sollte von TV Kameras beobachtet werden. Sechs Gemeinden kamen in die engere Wahl, schließlich wurde Artern in Thüringen ausgewählt. Die 6.800- Einwohner-Stadt ist in der Bundesrepublik nicht ganz unbekannt. Im Februar 1988 lag in der Stadt, die 786 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde, die Arbeitslosenquote bei 32,7 Prozent und führte so die bundesdeutsche Statistik an.

Inzwischen ist die Quote auf rund 25 Prozent gesunken, die Doku-Soap "Stadt der Träume", die jetzt alle 14 Tage ausgestrahlt wird, soll sie noch weiter zurückgehen lassen.

Artern
Artern – demnächst Ziel von begeisterten TV-Serien Fans?

Die Fernsehleute vom Rhein erzählten vor Beginn der Dreharbeiten vom Rummel, der noch immer um die "Schwarzwaldklinik" (vor über 15 Jahren im ZDF Programm) gemacht werde. "Auch noch heute reisen Busse voller Touristen dorthin, wo einst die Serie gedreht wurde. Die Leute gehen dort einkaufen und essen, füllen so die Kassen der örtlichen Geschäfte und damit auch das Stadtsäckel."

Das mag sogar mal so gewesen sein, doch das liegt viele, viele Jahre zurück. In Artern ist bisher kein Reisebus mit Fans der Serie gesichtet worden.

Heimatforscher beim
Wurstkauf begleiten

   UND das verwundert TV-Experten überhaupt nicht: In der "Schwarzwaldklinik" standen prominente Schauspieler wie Klausjürgen Wussow, Gaby Dohm und Sascha Hehn vor der Kamera, bei "Big Brother" dürfen die Zuschauer selbst mitbestimmen, wie es weitergeht. "Stadt der Träume" zieht alle Register zwischen Bildschirmschoner und Gähn-Sendung: So können die Fernsehzuschauer einen älteren Heimatforscher minutenlang beim Wurstkauf begleiten, eine mittelmäßige Schalmeien-Kapelle bei den Proben beobachten oder eine junge Frau erleben, die sich über einen neuen Job als Verkäuferin freut. Langeweile wird zum Kult erhoben - so das vernichtende Urteil eines Zuschauers.

   DIE Verantwortlichen bei den deutschen TV-Sendern haben es offenbar ähnlich gesehen. Und so läuft die Serie auch nur beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) im 3. Programm.

Bei Arterns Bürgermeister WOLFGANG KOENEN ist Zweckoptimismus angesagt: "Vielleicht bringt uns die Serie doch noch einen wirtschaftlichen Aufschwung." Denn große Sprünge kann die Stadt nicht machen. Jeder sechste Euro aus der Stadtkasse muss 2003 für Zinsen und Tilgung ausgegeben werden.

Aber es gibt schon Anzeichen, die in eine glückliche Zukunft weisen: Alle drei Ferienwohnungen in dem Ort sind bis Mitte des Jahres 2003 ausgebucht.
Die Wahrheit ist – die Mieter sind beruflich in der Stadt. Es sind die Leute von der TV-Produktion.

Alf Rolla

Fotos: MDR


Flensburg online: Alf Rolla über "Stadt der Träume" / Februar 2003