Von der deutschen Niederlage zur Teilung Schleswigs (1)

Politische Vorgeschichte

Nach der Kapitulation Rußlands im Winter 1917/18 hatte die deutsche Heeresleitung im Sommer 1918 vergeblich versucht, auch im Westen einen "Sieg-Frieden" zu erzwingen. Unter dem Eindruck der zurückweichenden deutschen Westfront aber mußten Hindenburg und Ludendorff Ende September 1918 die deutsche Niederlage eingestehen.

Als neuberufener Reichskanzler übersandte Prinz Max von Baden daraufhin den Westmächten am 4. Oktober 1918 ein Waffenstillstandsangebot. Dieses knüpfte an die Kongreßbotschaft des amerikanischen Präsidenten Wilson vom Januar 1918 an, in der eine demokratische Neuordnung Europas auf der Grundlage des nationalen Selbstbestimmungsrechts skizziert war.

H. P. Hanssen (1862 - 1936)

Noch am selben Tag erhielt der gutinformierte, dänischgesinnte Reichstagsabgeordnete H. P. Hanssen (1862 - 1936) Kenntnis von der entscheidenden Wendung in der deutschen Politik. Der aus Nørremølle bei Sonderburg stammende Hannsen war seit 1888 maßgeblich am programmatischen und organisatorischen Aufbau der dänischen Bewegung in Nordschleswig beteiligt und vertrat deren Belange seit 1896 im preußischen Landtag und seit 1905 im deutschen Reichstag. Als erfahrener Realpolitiker erfaßte er die Gunst der historischen Stunde und forderte am 23. Oktober 1918 im Berliner Reichstag die Einlösung des 1866 im Artikel V des Prager Friedens formulierten und Nordschleswig betreffenden Abstimmungsvorbehalts.

Die deutsche Seite bestritt, daß bezüglich der nordschleswigschen Landesteile ein positiver Rechtsanspruch auf eine Volksabstimmung bestand.
Tatsächlich war im preußisch-österreichischen Vertrag von Gastein im Jahre 1878 die Nordschleswig-Klausel des Prager Friedens annulliert worden, und im Jahre 1907 hatte Kopenhagen im deutsch-dänischen Optantenvertrag die Grenzziehung von 1864 faktisch anerkannt. Als Verfechterin des nationalen Selbstbestimmungsrechts versprach jedoch auch die aus der November-Revolution hervorgegangene Reichsregierung eine plebiszitäre Lösung des Nationalitätenproblems auch "für die in Betracht kommenden schleswigschen Bevölkerungsteile", - womit weitergehende, historisch begründete Ansprüche zurückgewiesen waren.

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