Flensburg unter
CIS-Verwaltung |
Mit der Unterzeichnung des Protokolls über die in Paris
erfolgte Hinterlegung der Ratifizierungsurkunden trat am 10. Januar 1920 der
Versailler Vertrag in Kraft. Die in den Artikeln 109 - 114 festgelegten Fristen
und Maßnahmen zur Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der
Abstimmung in Schleswig liefen nunmehr an. Am 12. Januar veröffentlichten
die Zeitungen im Abstimmungsgebiet die vorbereitete Proklamation der CIS, in
der die Räumung beider Zonen von deutschen Truppen und die Suspendierung
eingesetzter Behördenleiter ausschließlich der Wahlbeamten, aber
einschließlich der preußischen Landräte, bis zum 20. Januar
1920 angekündigt wurde. |
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Infolge mangelnder Vorbereitung verzögerte sich jedoch
die alliierte Besetzung des Abstimmungsgebietes. Erst am 14. Januar 1920
erreichte der englische Kreuzer "Carysford" mit Admiral Sheppard und
CIS-Generalsekretär Brudenell Bruce Flensburg, noch am selben Tag gefolgt
von der "La Marseillaise" mit Polizeipräsident Bruun, dem Verwaltungsstab
der CIS sowie einem Vorauskommando von 60 Soldaten an Bord. |
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Als erste reguläre Besatzungstruppen zogen am 20.
Januar französische Alpenjäger am verhüllten Denkmal Kaiser
Wilhelms I. vorbei in Hadersleben ein, begrüßte von der
dänischgesinnten Bevölkerung. Unter lebhafter Anteilnahme der
deutschgesinnten Bevölkerung zogen sich die deutschen Truppen am 24.
Januar 1920 schließlich auch aus Flensburg nach Süden zurück.
Die einrückenden französischen und englischen Streitkräfte
nahmen Quartier in der Duburg-Kaserne sowie in der Marineschule
Flensburg-Mürwik, die fortan als militärische Zentrale der insgesamt
3.000 Mann starken, dezentral im Plebiszitgebiet stationierten
Besatzungstruppen diente. |
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Dr. Hermann Todsen (1864 - 1946) |
Mit dem Abzug der deutschen Reichswehr hatte auch Flensburgs
Oberbürgermeister Dr. Todsen am 24. Januar die Leitung der Flensburger
Stadtverwaltung an Karl Holm und die Führung der örtlichen
Polizeiverwaltung an Waldemar Sörensen übergeben müssen. Im
Vertrauen auf die starke deutsche Mehrheit in der Fördestadt aber zeigte
sich Todsen zuversichtlich, sein Amt rasch wieder übernehmen zu
können. |
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Fünf Tage später als vorab geplant waren nunmehr
im Plebiszitgebiet die Voraussetzungen für die Ankunft der CIS geschaffen.
Zur Mittagszeit des 25. Januar trafen, mit dem Nachtzug aus Kopenhagen kommend,
Sir Charles Marling, Claudel, Heftye und von Sydow auf dem alten
Zentralbahnhof, heute ZOB, in Flensburg ein. Dort von Brudenell Bruce, Bruun
und den alliierten Befehlshabern begrüßt, begab sich die Kommission
durch ein Spalier englischer und französischer Soldaten zum
vis-à-vis gelegenen Hotel "Flensburger Hof", dem heutigen
Polizeipräsidium, wo sie für die folgenden Monate ihren Sitz nahm.
Vom Dach des Hotels wehte während der folgenden Monate die britische,
französische, norwegische und schwedische Flagge. |
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Soweit noch nicht geschehen, vollzog die CIS während
der ersten Tage ihrer Amtstätigkeit die letzten Schritte zur Sicherung
ihrer allgemeinen Verwaltungsgewalt. Die 90 Mann umfassende preußische
Gendarmerie war bereits durch ein 375 Mann starkes, aus vormaligen deutschen
Soldaten überwiegend dänischer Gesinnung rekrutiertes
Hilfspolizeikorps ersetzt worden. 60 Mann dieser zum Teil berittenen
Ordnungskräfte sicherten in der Folgezeit die im Süden des
Abstimmungsgebietes neuerrichtete Paßgrenze. Ein gleichstarkes Kontingent
ersetzte die deutschen Paßbeamten entlang der Königsaugrenze,
während die dortige Zollkontrolle weiterhin von deutschen Bediensteten
wahrgenommen wurde. An beiden Grenzlinien galt es insbesondere, die Einreise
nicht-stimmberechtigter Personen in das Plebiszitgebiet zu verhindern sowie
einem auf Valuta-Vorteile spekulierenden Warenschmuggel vorzubeugen. |
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Briefmarken im Plebiszitgebiet |
Nach der Suspendierung der übergeordneten
Behördenleitungen wurde der deutschen Behördenapparat von
CIS-Mitarbeitern geleitet oder kontrolliert, die teilweise nach
Rücksprache mit dänischen und deutschen Ratgebern bestimmt wurden.
Als deutscher Bevollmächtigter fungierte der vormalige Staats- und
Reichskommissar Dr. Köster. Die administrativen Eingriffe der CIS
gestalteten sich eher maßvoll. So wurden das deutsche Maß-,
Währungs- und Steuersystem im Plebiszitgebiet ebenso beibehalten wie das
deutsche Gerichts-, Eisenbahn-, Telegraphen- und Postwesen. Jedoch hatte die
Internationale Kommission über die Weltpostunion in Bern frühzeitig
das Recht zur Ausgabe eigener Briefmarken erwirkt. Deutsch-dänische
Ausschüsse für den Im- und Export sowie für die
Nahrungsmittelversorgung sicherten die materiellen Grundbedürfnisse der
Bevölkerung. Ein, allerdings erst Mitte Februar 1920 beim
CIS-Generalsekretariat geschaffener Gerichtshof ahndete nationalpolitisch
motivierte Übergriffe. |
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Die Einbindung deutscher und dänischer Berater sowie
die vorsichtige Delegation von Handlungskompetenzen an deutsch-dänische
Experten-Gremien dämmte die Eskalation nationalpolitischer Gegensätze
ein und begünstigte eine insgesamt erfolgreiche Aufgabenerledigung der
eingesetzten Kräfte. Dennoch erwies sich die CIS nicht in jedem Fall als
unparteiische Instanz: Die spektakuläre Ausweisung Dr. Todsens aus dem
Abstimmungsgebiet, das für die deutschen Lehrer, Pastoren und
Verwaltungskräfte geltende Verbot, aktiv an Versammlung und
Demonstrationen mitzuwirken, wie auch das zeitweilige Verbot des "Flensburger
Tageblatts" und des Flaggens in der 2. Zone, ließen auf deutscher Seite
das Vertrauen in die CIS schwinden. Andererseits wies die Kommission auch
manche dänische Forderung ab. So wurden auf dem Lande weder getrennte
Wahlurnen für einheimische und auswärtige Stimmberechtigte
aufgestellt noch wurde einer nachträglichen Räumung der 3. Zone
zugestimmt. |