Von der deutschen Niederlage zur Teilung Schleswigs (7)

Vor der Entscheidung

Im Zuge der Abstimmungsvorbereitungen hatte die CIS in Zusammenarbeit mit lokalen Behörden und besonderen Ausschüssen beide Plebiszitzonen in Anlehnung an die Gemeindegrenzen in eine Vielzahl von Stimmbezirken unterteilt. Zugleich galt es, die Stimmberechtigten zu erfassen und zu informieren. Als stimmberechtigt galten sämtliche vor dem 1. Januar 1900 geborene Personen, die entweder aus dem Plebiszitgebiet stammten oder dort zumindest seit 1900 ihren Wohnsitz unterhielten oder, vor 1900 dort wohnhaft, von deutschen Behörden ausgewiesen worden waren.

Kartei

Kartei des "Deutschen Ausschusses"

Nachdem die aus den Stimmzonen gebürtigen deutschen Kriegsgefangenen bereits im Herbst 1919 via Dänemark aus Frankreich und England zurückgekehrt waren, unternahmen deutsche und dänische Organisationen bis in die letzten Tage vor dem eigentlichen Plebiszit große Anstrengungen, sämtliche stimmberechtigten Schleswiger in nah und fern, oft auch jenseits der Landesgrenzen, zu ermitteln und zur Stimmabgabe zu ermuntern.
Das Abstimmungsgeschehen strahlte daher weit über das eigentliche Plebiszitgebiet aus. In Dänemark unterhielten nationale, in Deutschland insbesondere landsmannschaftliche Verbände in den großen Städten Informationskontore. Neben praktischen Hilfestellungen leisteten sie, je nach Ausrichtung, auch nationale Propagandaarbeit und organisierten die Anreise der auswärtigen Stimmberechtigten in fahnengeschmückten Sonderzügen oder mittels spezieller Schiffspassagen. In den Ankunftsorten erfolgte die Unterbringung der Anreisenden, soweit möglich, bei Verwandten, Freunden oder gleichgesinnten Gastfamilien.

Dänisches Plakat

Dänisches Plakat

In einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß war die nationale Werbearbeit, der sogenannte "Abstimmungskampf", auf deutscher und dänischer Seite durch den massenhaften Einsatz von Propagandamitteln bestimmt. Durch Plakate, Flugzettel und Notgeldscheine, per Zeitschriften und Zeitungen, über das Lied oder die Karikatur wurden aufrüttelnde und einprägsame Schlagworte verbreitet, identitätsstiftende Symbole transportiert oder beißender Spott über den nationalen Gegner - nicht Feind - ausgegossen. Beide Seiten appellierten an das nationale Empfinden, an ein schleswigsches Heimatgefühl, an materielle Interessen oder auch an tiefwurzelnde Ressentiments etwa gegen "die Jüten" oder "die Preußen". Die abstimmungsberechtigte Frau sprach man vorzugsweise als Mutter und verantwortliche Hüterin über das nationale Schicksal der Jüngsten an.

Deutsches Plakat

Deutsches Plakat

Auf Versammlungen und Demonstrationen, mittels Abzeichen und Kokarden und insbesondere über das demonstrative Zeigen der Flagge dokumentierte der Einzelne schon vor der Abstimmung seinen nationalen Standpunkt. In den Ortschaften waren ganze Straßenzüge mit dem rot-weißen Danebrog, der blau-weiß-roten Fahne Schleswig-Holsteins und dem Schwarz-Weiß-Rot der alten Reichsflagge geschmückt. Die schwarz-rot-goldenen Farben der jungen deutschen Republik sah man hingegen kaum.

Das Lutherhaus

Das Lutherhaus

Auf deutscher Seite war eine Vielzahl untereinander koordinierter Gremien in der Abstimmungsarbeit tätig. Innerhalb des "Deutschen Ausschusses", dessen Stab unter Leitung Dr. Kählers im Oktober 1919 seinen Sitz von der Norderhofenden 11 in das Lutherhaus am Südergraben verlegte, befaßten sich einzelne Kommissionen mit den rechtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Problemen der Abstimmung und einer Teilung Schleswigs. Überdies leistete der Ausschuß in Zusammenarbeit mit der Demokratischen Partei, der Reichszentrale für Heimatdienst und den Landsmannschaften Großes bei der reichsweiten Ermittlung, Ansprache und Heranführung von Stimmberechtigten.

Die sozialdemokratische Arbeiterschaft wirkte in der von Eduard Adler als Geheimbund organisierten "Schutzwehr" beim nächtlichen Anschlagen von Plakaten oder Auslegen von Flugschriften mit. In Flensburg, dem zentralen Kampfplatz, gelang es seit November 1919, jedes Flugblatt, jedes Plakat und jede Nachricht innerhalb einer Stunde flächendeckend zu verbreiten. Erreicht wurde diese Leistung durch Aufteilung des Stadtgebiets in zwölf Bezirke, denen je ein Vertrauensmann vorstand, der wiederum verläßliche Hilfskräfte anwarb.

Für die öffentliche Agitation in Flensburg schuf Dr. Köster im Oktober 1919 einen "Stadtausschuß", der wenig später um einen "Landesausschuß" ergänzt wurde. Das Augenmerk eines speziellen "Riegelausschusses" galt der Werbearbeit in den Gemeinden unmittelbar nördlich und westlich Flensburgs.

Lederhaus

Das "Lederhaus"

Im "Lederhaus", bei Feys Hotel in der Rathausstraße gelegen, ratterten die Schreibmaschinen und klingelten die Fernsprecher der von Dr. Alnor geleiteten "Nachrichtenzentrale", die insgesamt anderthalb Millionen deutsche Flugblätter und 200.000 Plakate produzierte und den Rednereinsatz organisierte.

Alt-Flensburger-Haus

Das "Alt-Flensburger-Haus"

Das "Alt-Flensburger-Haus" in der Norderstraße diente als deutsches Presseheim. Hier hielt Dr. Köster seine Konferenzen ab, und im Jagdzimmer arbeiteten unter Leitung von Dr. Muuß die Redaktionsstäbe des 1919 gegründeten "Flensburger Tageblatts" und der Zeitungsbeilage "Unser Schleswig", - beides Gegengründungen zu der zur dänischen Seite gewechselten "Flensburger Norddeutschen Zeitung" und der dänischen Abstimmungszeitung "Unser Land".
In den hinteren Räumen des "Alt-Flensburger-Hauses" tagte schließlich als zentrale Aktionsspitze ein Drei-Männer-Ausschuß mit Gewerkschaftssekretär Bauer, Dr. Alnor und Dr. Kähler sowie ein zwölfköpfiges "Gremium", dessen Mitglieder jede Nacht in geheimer Sitzung die neuesten Meldungen und Maßnahmen durchsprachen.

Flensborg Avis

Redaktionsräume "Flensborg Avis"

Die dänischen Organisationen ähnelten den deutschen, waren jedoch weniger arbeitsteilig aufgefächert. Ihr Hauptquartier bildeten die Redaktionsräume von "Flensborg Avis" am Nordermarkt, wo Ernst Christiansen die Fäden in der Hand hielt. Außerdem unterhielt der "Mittelschleswigsche Ausschuß" Kontore in der Stadt, darunter das bedeutende Nachrichtenbüro J. M. Ferdinands. Von hier aus organisierten seit Oktober 1919 Kopenhagener Studenten die dänischen Flugblatt- und Plakataktionen. Unterstützung erfuhren sie in ihrer Arbeit auch vom "Tillidsraadets Valgkontor" in der Toosbüystraße.

Um Verunglimpfungen vorzubeugen, unterwarf die CIS sämtliche Flugblätter und Plakate einer Zensur. Die Presse wurde vom französischen Kommissionsmitglied Claudel beaufsichtigt. Im Vorfeld der Abstimmung in der 2. Zone erwirkte er am 18. Februar ein einwöchiges Verbot des deutschen "Flensburger Tageblatts", nachdem die Zeitung die Beseitigung dänischer Propagandatafeln verteidigt hatte. Das am 6. März 1920 erlassene, unausgewogene Flaggenverbot der CIS mußte nach der demonstrativen Arbeitsniederlegung der deutschen Kommissions-Ratgeber teilweise zurückgenommen werden.

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