Von der deutschen Niederlage zur Teilung Schleswigs (9)

Tiedje-Linie, Internationalisierungspläne
und Grenzfestigung

Der Internationalen Kommission fiel nach Abschluß beider Abstimmungen die Aufgabe zu, aufgrund der Stimmergebnisse, aber auch unter Beachtung wirtschaftlicher und geographischer Gesichtspunkte einen abschließenden Grenzvorschlag zu unterbreiten. Von deutscher und von flensburg-dänischer Seite wurden daher auch nach dem Plebiszit Versuche unternommen, den Grenzlinienvorschlag der CIS zugunsten eigener Vorstellungen zu beeinflussen.

Tiedje-Linie

Tiedje-Linie

Im Süden der 1. Zone standen die Stimmbezirke deutscher Majorität oftmals in territorialer Verbindung und grenzten zum Teil unmittelbar an die 2. Stimmzone. Aus diesen, aber auch aus taktischen Gründen hatte der deutsche Sachverständige Johannes Tiedje unter Rückgriff auf frühere Überlegungen bereits am 11. Februar 1920 eine nationale Ausgleichslinie skizziert, die nördlich um Hoyer, Tondern, Rapstedt und Tingleff verlief und südlich von Gravenstein auf die Flensburger Förde traf. Die Propagierung dieser Tiedje-Linie gab der deutschen Seite eine positiv formulierte Zielmarke, die bereits im Abstimmungskampf um die 2. Zone genutzt worden war.

Notgeld

Papierne Notgeldscheine

Nachdem sich der eindeutige deutsche Erfolg in der zweiten Zone, insbesondere auch in derem nördlichen Grenzgürtel, eingestellt hatte, schritt Dr. Köster als deutscher Bevollmächtigter zur Tat. Am 17 März 1920 forderte er in einer ausführlichen Note an die CIS die Tiedje-Linie als künftig allein mögliche Grenze zwischen Deutschland und Dänemark, wodurch die über 18.000 deutschen Stimmen nördlich dieser Linie mit einer annähernd gleich großen Zahl dänischer Stimmen im Süden korrespondiert hätten.

Gedenkstein

Gedenkstein in Krusau

Aus heutiger Sicht ist gegenüber der Tiedje-Linie kritisch anzumerken, daß sie die ungleichmäßige Verteilung der deutschen Stimmen im "Tiedje-Gürtel" nicht hinreichend beachtete. Die, auch nach rechnerischem Abzug der auswärtigen Stimmen, hier vorliegende deutsche Majorität basierte im wesentlichen auf einem deutlichen Übergewicht im Raum Tondern und Hoyer. Die seinerzeitige Forderung nach Verbleib der dortigen Mehrheitsgemeinden bei Deutschland war insofern gerechtfertigt. Das primär wirtschaftlich motivierte Begehren hingegen, das nördliche Ufer der Flensburger Innenförde trotz dortiger dänischer Mehrheiten ebenfalls bei Deutschland zu belassen, entsprach dem Selbstbestimmungsrecht ähnlich ungenügend wie die en-bloc-Abtretung Nordschleswigs bis hinab zur Clausen-Linie.

Berechtigungsschein

Berechtigungsscheinheft

Umgekehrt wurden auf Seiten der Flensburg-Dänen nach einer ersten Phase der Niedergeschlagenheit Pläne entwickelt, um die Fördestadt trotz des eindeutigen Abstimmungsergebnisses doch noch an Dänemark zu bringen. Allerdings standen Ministerpräsident Zahle, sein zuständiger Minister H. P. Hanssen und die politische Linke nach der Ergebnissen des 14. März fest zur Clausenlinie. Ernst Christiansen und gleichgesinnte national-konservative Kreise in Kopenhagen sannen daher auf den Sturz der Zahle-Regierung. Sie sollte durch politische Kräfte ersetzt werden, die im Falle einer entsprechenden CIS-Offerte das deutsche Flensburg in Dänemark eingliederte oder dieses Ziel eigeninitiativ an die CIS oder den Obersten Rat in Paris herantrug. Ermuntert durch mehrdeutige Hinweise Claudels auf angebliche Vollmachten der CIS, ging man zweigleisig vor:

Grenzstein

Grenzstein, Kupfermühle

Im Abstimmungsgebiet initiierte die dänische Flensburg-Gruppe eine Unterschriftenkampagne, die auf eine Eingliederung der Fördestadt in Dänemark zielte, wenigstens aber eine langjährige Internationalisierung der 2. und 3. Zone und deren wirtschaftlichen Anschluß an Dänemark erstrebte, um nach 10 bis 15 Jahren Flensburg durch eine neue Abstimmung eventuell nach Dänemark hinüberziehen zu können. In übersteigerten Appellen forderte man zudem von der CIS, die dänische Minderheit nicht deutscher "Verfolgung und Gewalt zu überlassen".

Zugleich trug die Flensburg-Gruppe dem dänischen König Christian X. ihre Vorstellungen vor und verleitete ihn zur Entlassung Zahles. Die derart am 29. März 1920 ausgelöste "Osterkrise" deutete die Kopenhagener Arbeiterschaft als Staatsstreich und reagierte mit einem Generalstreik. Das unter Otto Liebe eingesetzte Ministerium vermochte sich nur fünf Tage zu halten. Dann wurde es - ohne in der Flensburg-Frage Entscheidendes bewegt zu haben - vom verunsicherten König durch das geschäftsführende Ministerium Friis ersetzt. Dieses schrieb zum 23. April 1920 Neuwahlen aus, aus denen eine Venstre-Regierung unter Neergaard hervorging, die den Flensburg-Dänen zwar nahestand, nach einem vorübergehenden Engagement deren Internationalisierungspläne aber angesichts der diplomatischen Aussichtslosigkeit ihrer Verwirklichung nicht mehr mit Nachdruck vertrat.

Nach mancher durch politisches Taktieren Claudels und Heftyes verursachten Verzögerung unterzeichneten die vier Mitglieder der Internationalen Kommission am 16. April 1920 ihren vertraulichen Abschlußbericht samt Grenzvorschlag. Deutsche Wünsche, gar nach der Tiedje-Linie, wurden nicht berücksichtigt. Vielmehr empfahl man die auf Clausen zurückgehende und von H. P. Hanssen durchgesetzte Trennlinie beider Stimmzonen mit geringfügigen Änderungen als zukünftige deutsch-dänische Staatsgrenze.

Ausschlaggebend für die Entscheidung waren entsprechende Voten von Sydows und des Kommissionsvorsitzenden Sir Charles Marling, nachdem in dieser wichtigen Frage keine Einstimmigkeit in der CIS erzielt werden konnte. So forderten Claudel und Heftye, auch die deutschen Gemeinden Aventoft, Süderlügum, Ladelund und Medelby sowie das Klueser Gehölz, Kupfermühle und Wassersleben an Dänemark abzutreten. Als Minderheitenvotum ging ihre erstaunliche Empfehlung zusammen mit dem Hauptvorschlag zwecks endgültiger Entscheidung an die Botschafter-Konferenz nach Paris. Die CIS hatte ihre Hauptaufgabe erfüllt, ihre Mitglieder verließen Flensburg. Mit besonderen Vollmachten versehen, blieb lediglich Generalsekretär Brudenell Bruce als "König Plebiszit" bis zur endgültigen Beschlußfassung durch die Alliierten zurück.

Auch in den Wochen bis zur Entscheidung im fernen Paris kamen das Abstimmungsgebiet und insbesondere Flensburg nicht zur Ruhe. Der Mittelschleswigsche Ausschuß warb mit aller Kraft für seine Internationalisierungspläne, die deutsche Seite konterte mit einer erneuten Tiedje-Linie-Kampagne und Unterschriftensammlungen. Zudem hob die preußische Regierung am 19. April sämtliche national diskriminierenden Gesetze und Verordnungen auf. Unter Leitung des am 10. April 1920 überraschend zum deutschen Außenminister ernannten Dr. Köster regte die deutsche Seite ferner zweiseitige Vereinbarungen zwecks Schaffung gleicher Rechte für die dänische und deutsche Minderheit an. Dänischerseits aber wurde auf einem dreiseitigen Vertrag unter Einbindung alliierter Partner bestanden, woran wiederum der deutschen Reichsregierung wenig gelegen war, so daß keine länderübergreifende Minderheitenvereinbarung abgeschlossen wurde.

Am 5. Mai 1920, als dänisches Militär in die erste Zone einrückte, befaßte sich der Botschafterrat in Paris erstmals mit dem Abschlußbericht und Grenzvorschlag der CIS und votierte am 8. Mai mehrheitlich für den Primärvorschlag der Internationalen Kommission. Eine weitere Vorentscheidung zugunsten der Clausenlinie als der künftigen deutsch-dänischen Grenze war gefallen. Relativierende Ergänzungsvorschläge von dänischer und französischer Seite scheiterten in den Folgetagen an der entschiedenen britischen Haltung. Am 26. Mai und 11. Juni schloß der Botschafterrat seine Beratungen über die Schleswig-Frage ab, und am 15. Juni erging an Dänemark und Deutschland die offizielle Notifikation über den Grenzverlauf. Nordschleswig war faktisch an Dänemark übertragen. Am 9. Juli unterzeichnete König Christian X. das abschließende Eingliederungsgesetz und ritt am folgenden Tag über die alte Königsau-Grenze nach Nordschleswig hinein, dessen Gewinnung am 11. Juli 1920 auf den Düppeler Schanzen mit einem großen Fest gefeiert wurde.

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