|

Grenzstein, Kupfermühle |
Im Abstimmungsgebiet initiierte die dänische
Flensburg-Gruppe eine Unterschriftenkampagne, die auf eine Eingliederung der
Fördestadt in Dänemark zielte, wenigstens aber eine langjährige
Internationalisierung der 2. und 3. Zone und deren wirtschaftlichen
Anschluß an Dänemark erstrebte, um nach 10 bis 15 Jahren Flensburg
durch eine neue Abstimmung eventuell nach Dänemark hinüberziehen zu
können. In übersteigerten Appellen forderte man zudem von der CIS,
die dänische Minderheit nicht deutscher "Verfolgung und Gewalt zu
überlassen". |
|
Zugleich trug die Flensburg-Gruppe dem dänischen
König Christian X. ihre Vorstellungen vor und verleitete ihn zur
Entlassung Zahles. Die derart am 29. März 1920 ausgelöste
"Osterkrise" deutete die Kopenhagener Arbeiterschaft als Staatsstreich und
reagierte mit einem Generalstreik. Das unter Otto Liebe eingesetzte
Ministerium vermochte sich nur fünf Tage zu halten. Dann wurde es - ohne
in der Flensburg-Frage Entscheidendes bewegt zu haben - vom verunsicherten
König durch das geschäftsführende Ministerium Friis
ersetzt. Dieses schrieb zum 23. April 1920 Neuwahlen aus, aus denen eine
Venstre-Regierung unter Neergaard hervorging, die den
Flensburg-Dänen zwar nahestand, nach einem vorübergehenden Engagement
deren Internationalisierungspläne aber angesichts der diplomatischen
Aussichtslosigkeit ihrer Verwirklichung nicht mehr mit Nachdruck vertrat.
|
|
Nach mancher durch politisches Taktieren Claudels und
Heftyes verursachten Verzögerung unterzeichneten die vier Mitglieder
der Internationalen Kommission am 16. April 1920 ihren vertraulichen
Abschlußbericht samt Grenzvorschlag. Deutsche Wünsche, gar nach
der Tiedje-Linie, wurden nicht berücksichtigt. Vielmehr empfahl man die
auf Clausen zurückgehende und von H. P. Hanssen durchgesetzte Trennlinie
beider Stimmzonen mit geringfügigen Änderungen als zukünftige
deutsch-dänische Staatsgrenze. |
|
Ausschlaggebend für die Entscheidung waren
entsprechende Voten von Sydows und des Kommissionsvorsitzenden Sir Charles
Marling, nachdem in dieser wichtigen Frage keine Einstimmigkeit in der CIS
erzielt werden konnte. So forderten Claudel und Heftye, auch die deutschen
Gemeinden Aventoft, Süderlügum, Ladelund und Medelby sowie das
Klueser Gehölz, Kupfermühle und Wassersleben an Dänemark
abzutreten. Als Minderheitenvotum ging ihre erstaunliche Empfehlung zusammen
mit dem Hauptvorschlag zwecks endgültiger Entscheidung an die
Botschafter-Konferenz nach Paris. Die CIS hatte ihre Hauptaufgabe erfüllt,
ihre Mitglieder verließen Flensburg. Mit besonderen Vollmachten versehen,
blieb lediglich Generalsekretär Brudenell Bruce als "König
Plebiszit" bis zur endgültigen Beschlußfassung durch die Alliierten
zurück. |
|
Auch in den Wochen bis zur Entscheidung im fernen Paris
kamen das Abstimmungsgebiet und insbesondere Flensburg nicht zur Ruhe. Der
Mittelschleswigsche Ausschuß warb mit aller Kraft für seine
Internationalisierungspläne, die deutsche Seite konterte mit einer
erneuten Tiedje-Linie-Kampagne und Unterschriftensammlungen. Zudem hob die
preußische Regierung am 19. April sämtliche national
diskriminierenden Gesetze und Verordnungen auf. Unter Leitung des am 10. April
1920 überraschend zum deutschen Außenminister ernannten Dr.
Köster regte die deutsche Seite ferner zweiseitige Vereinbarungen
zwecks Schaffung gleicher Rechte für die dänische und deutsche
Minderheit an. Dänischerseits aber wurde auf einem dreiseitigen Vertrag
unter Einbindung alliierter Partner bestanden, woran wiederum der deutschen
Reichsregierung wenig gelegen war, so daß keine
länderübergreifende Minderheitenvereinbarung abgeschlossen wurde.
|
|
Am 5. Mai 1920, als dänisches Militär in die erste
Zone einrückte, befaßte sich der Botschafterrat in Paris erstmals
mit dem Abschlußbericht und Grenzvorschlag der CIS und votierte am 8. Mai
mehrheitlich für den Primärvorschlag der Internationalen Kommission.
Eine weitere Vorentscheidung zugunsten der Clausenlinie als der künftigen
deutsch-dänischen Grenze war gefallen. Relativierende
Ergänzungsvorschläge von dänischer und französischer Seite
scheiterten in den Folgetagen an der entschiedenen britischen Haltung. Am 26.
Mai und 11. Juni schloß der Botschafterrat seine Beratungen über die
Schleswig-Frage ab, und am 15. Juni erging an Dänemark und Deutschland die
offizielle Notifikation über den Grenzverlauf. Nordschleswig war faktisch
an Dänemark übertragen. Am 9. Juli unterzeichnete König
Christian X. das abschließende Eingliederungsgesetz und ritt am folgenden
Tag über die alte Königsau-Grenze nach Nordschleswig hinein, dessen
Gewinnung am 11. Juli 1920 auf den Düppeler Schanzen mit einem
großen Fest gefeiert wurde. |