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27-Januar
2003
Zu Karneval rührt die Industrie
die Werbetrommel, aber
Aktuelle
Messungen zeigen hohe Acrylamidbelastungen
Berlin
(ots) - Leider war es kein Karnevalsscherz: Chipshersteller
meldeten einen Rückgang der Acrylamidbelastungen in ihren
Produkten um 15 Prozent als Erfolg.
Jetzt zur Faschingszeit werben sie wieder intensiv um Käufergunst.
Eine aktuelle Untersuchung von foodwatch dokumentiert dagegen:
Nach wie vor sind Chips sehr hoch mit Acrylamid belastet.

Gerade
zu Karneval wird für Chips viel geworben.
Foto: obs/foodwatch e.V.
Ein Vergleich
der Messungen vom Februar 2003 mit Untersuchungen vom Juli 2002
zeigt: Sechs von sieben Produkten sind
heute gleich oder gar höher belastet.
foodwatch hat jeweils zwei Proben von zehn verbreiteten Kartoffelchips-Produkten
ins Labor gebracht. Die Ergebnisse sind ernüchternd:
9 von
20 Proben weisen Acrylamid-Werte von über 1.000 Mikrogramm
pro Kilogramm auf
Bekannte
Produkte wie "Chio Chips Red Paprika", "Pringles
Paprika", oder "Rusti Crusti Croc paprika" sind
stark belastet, ebenso die Bio-Chips des belgischen Herstellers
"Tra'fo NV
Belgie"
der niedrigste
Messwert lag bei 365, der höchste bei 2.871 Mikrogramm pro
Kilogramm. (Messungen durch das Naturwissenschaftliche Forschungs-
und Untersuchungslaboratorium NAFU, Berlin)
IN einem Brief vom 15. Januar 2003 teilte der
"Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie
(BDSI) e.V. Fachsparte Knabberartikel" foodwatch dagegen
mit: "Der Acrylamid-Gehalt von Kartoffelchips liegt derzeit
durchschnittlich zwischen 500 und 600 Mikrogramm pro Kilogramm
(
)."
foodwatch sieht hierin eine Irreführung: "Verbrauchern
wird die Möglichkeit vorenthalten, durch gezielte Produktwahl
die Acrylamidbelastung um mehr als den Faktor zehn zu senken.
Hersteller und Handel müssen endlich die Belastungswerte
veröffentlichen", verlangt foodwatch-Sprecher Carsten
Direske.
DAS fordert auch der Kölner Pharmakologe
Professor Edgar Schömig: "Gerade weil das Gesundheitsrisiko
von Acrylamid sich nicht exakt abschätzen lässt, müssen
die Menschen über die Belastungen der einzelnen Produkte
informiert werden. Am besten können Verbraucher sich schützen,
wenn sie wissen, welche Chips hoch und welche niedrig belastet
sind".
Kinder und Jugendliche
besonders gefährdet
AUFGRUND des Konsumverhaltens hält das
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) besonders Kinder
und Jugendliche für gefährdet: "Die Acrylamid-Belastung
könnte daher zwei- bis dreifach höher sein als beim
Erwachsenen", schätzt das BfR.
Zur Karnevalszeit werden Chips von Handel und Herstellern intensiv
beworben. Kinder und Jugendliche sind eine wichtige Zielgruppe
für die Knabberartikel-Industrie, wie die Spots und Internetseiten
der Hersteller zeigen.
"Gerade das Wohl von Kindern und Jugendlichen sollte das
Verbraucherministerium besonders im Auge haben. Renate Künast
kann nicht einerseits an die mündigen Verbraucher appellieren,
diesen aber gleichzeitig wesentliche Informationen vorenthalten.
Die Regierung gefährdet damit die Gesundheit der Verbraucher
zugunsten wirtschaftlicher Interessen. Die Testergebnisse zeigen,
dass das Minimierungskonzept der Regierung falsch ist", so
Carsten Direske.
Das "Minimierungskonzept"
der Bundesregierung
ANHAND von so genannten Signalwerten soll die
stufenweise Minimierung unerwünschter Acrylamidgehalte in
Lebensmitteln erreicht werden. Diese "Signalwerte" wurden
auf nicht näher bestimmte Weise durch das neue Bundesamt
für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) für
sechs verschiedene Warengruppen aus ca. 400 Untersuchungsergebnissen
ermittelt und zwischenzeitlich einmal angepasst:
Signalwerte (in Mikrogramm pro Kilogramm, erster Wert bis Januar
03, zweiter Wert ab Januar 03)
- Kartoffelerzeugnisse, incl. Chips (1500/1200)
- Pommes frites verzehrfertig (770/570)
- Feine Backwaren aus Mürbeteig (800/660)
- Kaffeepulver (370/370)
- Knäckebrot (610/610)
- Frühstückscerealien (260/260)
DIE 10 Prozent der höchstbelasteten Hersteller
einer Produktgruppe werden benachrichtigt und gebeten, gemeinsam
mit lokalen Überwachungsbehörden "zu prüfen,
ob bzw. welche Änderungen an der Rezeptur oder am Herstellungsverfahren
möglich sind, um ein Absenken der Acrylamidgehalte zu erreichen.
(
) Bei Werten oberhalb von 1.000 Mikrogramm pro Kilogramm
sollen grundsätzlich alle Produkte in die Minimierungsbemühungen
einbezogen werden
" (Quelle: Bundesamt für Verbraucherschutz
und Lebensmittelsicherheit)
Hersteller sorgen sich
um den Chips-Umsatz
Im Jahr 2001 produzierten die deutschen Hersteller
laut BDSI Kartoffelchips und -sticks im Wert von 270 Millionen
Euro (plus 8,7 Prozent). Der Markt ist zu 95 Prozent in deutscher
Hand. Neuerdings klagen Hersteller wie Bahlsen-Lorenz über
Umsatzrückgänge von 17 Prozent, daher werden die Marktdaten
der letzten Quartale mit Spannung erwartet. "Andere Branchen
gehen offener mit Problemen um, damit das Vertrauen der Konsumenten
keinen Schaden nimmt. Diese Einsicht fehlt der Branche, die zum
ersten Mal seit Jahren keine satten Umsatzsteigerungen mehr verzeichnet",
urteilt Carsten Direske.
Weitere Informationen
und Tabelle mit Messwerten unter www.foodwatch.de
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