You would have made me dazel, Miss Hazel

 Literatur

 

Ich komm schon wieder runter. Das Feuer wird schon wieder ausgehen.
Mein Herz wird schon wieder rausfinden
aus diesem Adrenalin-Ozean. Gib mir einfach noch etwas Zeit.

"und jetzt fang ich erst an
denn das ist der anfang
und jetzt fang ich erst an
das ist der anfang
weil die liebe für immer
so schön wie der anfang ist"
Nena, "Der Anfang", 2005

 

Zu viele Nächte erst um halb fünf ins Bett.
Zu viele neue Tage um halb neun schon wieder aufgestanden.
Zu viele Telefonate.
Zu viele Menschen.
Zu viel Captagon.
Zu viele drückende Termine.

Zu viel weggesteckt.
Zu viel runtergeschluckt.
Zu viel zur Seite geschoben für später.

Die vielen Stunden vor dem Computer
haben meine Augen in Brand gesteckt.
Und jetzt lodert und knackt
das Feuer bis rauf in mein Hirn
und wird immer größer.

Zu viele schnelle Pizzas.
Zu viele Kannen schweren Kaffees.
Zu schnell durchgelaufen
und jetzt blick ich nicht mehr
das Ende und den Anfang.
Und mein Magen stülpt sich krampfend um.

Laß das Blut aus meiner Nase schießen,
ich hab so viel davon.
Nimm den Lappen weg,
es tut gut, wenn der Druck in meinem Kopf schwächer wird.
Laß das Blut einfach laufen.

Sag keinen Vorwurf.
Ich weiß selber.
Bleib einfach still diese Nacht neben mir sitzen.
Laß deine Hand auf meiner Stirn
und leg den Waschlappen
auf die wild pochende Halsschlagader.
Und bleib einfach da,
weil ich in dieses tiefe Loch falle
und Angst habe, keinen Boden zu finden.

Ich lieb dich.
Ich lieb dich so sehr.
Und all die Scheiße tut mir leid,
die ich immer wieder baue
und die dich abends in der Küche sitzend
weinen läßt.
Geh jetzt nicht weg.
Bleib einfach da und wisch mir die Kotze aus dem Gesicht. Und sag kein Wort.
Mein Kopf schwirrt schon genug
und das Hirn drückt mir
die Trommelfelle aus dem Schädel.

Das Feuer wird schon wieder ausgehen. Und ich werd schon wieder rausfinden

Ich komm schon wieder runter.
Das Feuer wird schon wieder ausgehen.
Mein Herz wird schon wieder rausfinden
aus diesem Adrenalin-Ozean.
Gib mir einfach noch etwas Zeit.
Nein, ruf keinen Arzt.
Laß mich hier einfach liegen
und bleib ruhig neben mir sitzen.
Und laß keine von diesen Horrorgestalten
in das Schlafzimmer, die draußen vor dem
Fenster tanzen und hämisch zu mir reinblicken.

Ich komm schon wieder runter.
Ich find schon wieder raus.
Mein Herz wird schon wieder ruhig werden.
Und irgendwann hören die Krämpfe auf,
lassen meine Muskeln in Ruhe.
Und mein Puls wird nicht mit jedem Schlag
meinen Körper beben lassen.
Bleib einfach hier und laß mich nicht allein.

Ich kann nicht schlafen.
Ich kann nicht wachbleiben.
Ich hab keinen Durst
und ich trockne aus.
Laß mich nur den nassen Waschlappen
in der Hand halten.

Als ich klein war,
und das schlimme Fieber mich wegtragen wollte,
da hielt meine Mama meine Hand.
Oh Mama. Sag noch einmal,
daß alles wieder gut werden wird.


Nane Jürgensen in "Der Absturz lauert überall.
Computeralltag zwischen Lust und Leid"

Fischer Taschenbuch, Frankfurt/M. 1993

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