Und dann

 


Flensburg online: Poems

Flensburg online: Poems

 

Du in der untergehenden Sonne

Ich gebe es zu. Manchmal klicke ich mich trotz besseres Wissen durch die WebSites über dich. Auf der Suche nach neuen Bildern von dir.
Der einen oder anderen Neuigkeit.

Nicht, dass ich dich noch mal anrufen würde.
Ne. Nicht, dass ich wirklich, wirklich richtig noch einmal mit dir was anfangen wollte, wirklich nicht.

Aber manchmal ist es irgendwie einfach so, dass ich deiner Spur durch den Datenozean hinterher klicke.

Dabei mag ich eigentlich keine neuen Bilder von dir in meinem Kopf haben. Ich pflege lieber unsere alten.
Kram sie in diesen einsamen Nächten heraus, wenn ich mir selber sagen muss, dass nicht immer nur Verzweiflung und Einsamkeit und Traurigkeit die Oberhand in meinem Leben hatten.

Kram sie raus, zusammen mit deinem Lachen, zusammen mit deinem Duft,
zusammen mit dem Gefühl, wie ich deine schmalen Schultern in meinen Händen hielt.

Dieser späte Nachmittag am Hochufer der Isar

IE ich dich in Armen hielt und du dich gegen mich drücktest. Bau mir daraus die Erinnerung an uns zusammen.

Das allerschönste Bild ist komischerweise vom Ende unserer Beziehung. Wie wir an diesem späten Nachmittag am Hochufer der Isar spazieren gingen.

Du warst aus London gekommen.
Du hattest mir eine Stange Zigaretten mitgebracht.
Ich rauchte eine Gold Leaf nach der anderen.
Es war zu Ende mit uns.
Du wusstest es. Mir war es auch klar.
Aber wir gingen miteinander spazieren, umarmten uns, redeten und gingen dann wieder schweigend nebeneinander.

Und dann blieb ich stehen. Vielleicht nie wieder würde ich dich noch einmal sehen, dachte ich. Und ich stand da in diesem unendlich traurigen Augenblick des Universums und wollte dich so anschauen, dass ich dein Bild nie wieder vergessen würde. Wollte das Bild aufsaugen und mitnehmen, wohin auch immer ich noch gehen würde.

Und du schautest mich an, so als ob du wüsstest, um was es mir noch ging.

Einsam ist es dort draußen im Universum.
Einsam ist es hier unten auf Erden.

UND dann tauchte die untergehende Sonne vom gegenüberliegenden Ufer der Isar alles in ein unendlich tiefrotes Licht.
Deine Haare glühten in dem Rot.
Leuchteten wie tausend Sternensonnen, sprühten und funkelten. Meine Güte, du sahst so phantastisch gut aus. So warm, so weich, so lieb. Und ich wusste ja, wie du dich anfühlst. So zart, so zärtlich, so sehnsuchtsvoll.

Und ich stand da und schaute dich an. Mir stiegen ein wenig die Tränen in die Augen. Weit draußen, die eine oder andere Ewigkeit von Jupiter entfernt, fiel eine Tür zu. Einsam ist es dort draußen im Universum. Einsam ist es hier auf Erden, so sehr wir uns auch aneinander reiben und streicheln und liebkosen. So richtig finden wir nie zueinander. Bleiben einsam und allein, trotz all der wilden Küsse und der heißen Zuckungen unserer Körper, wenn wir versuchen, eins zu werden. Einsam und allein drehen wir uns dann doch auf die Seite. Und so wollte ich wenigstens das Bild von dir haben. Und so schaute ich dich an, um jedes Detail von dir einzubrennen in meine Erinnerung. Und ich werde dieses Bild nie wieder vergessen. Es gehört zu meinen wenigen Schätzen quer durch all die einsamen Tage und verzweifelten Nächte.

Überall auf der Welt und natürlich auch bei mir in meinem Herzen bist du gewesen. Wir lieben uns so sehr, wir brauchen nicht immer zusammen zu sein, hast du gesagt.
Klar, das sagt sich leicht, wenn einem die Haare im Wind wehen und man mit Koffer in der rechten Hand vor der Gangway steht und das Flugzeug besteigen wird, das einen hoch in die Wolken und quer über alle Kontinente trägt.

Wir lieben uns so sehr, wir müssen nicht immer zusammen sein. Hm, das tut weh dem, der nicht mit in den silbernen Vogel einsteigt, der unten bliebt, der zurück zur U-Bahn dackelt und alleine in seine kalte Wohnung fährt.

Wir lieben uns so sehr, wir müssen nicht immer zusammen sein. Das wird dem zum blanken Hohn, der alleine unter seiner Bettdecke liegt und darauf wartet, dass die Nacht vorüber geht, obwohl der nächste Tag eigentlich ja auch nichts Schönes bringen wird.

Wir lieben uns so sehr, wir müssen uns das nicht immer sagen, hast du gesagt. Hm, wenn ich nach zwei, drei einsamen Tagen in meiner Wohnung so langsam die Wände hoch und quer über die Zimmerdecke lief, dann hätte ich das gerne gehört, dass du mich liebst. Ich hätte es gerne von dir neben mir gehört. Und nicht über irgendwelche Transatlantik-Telefonkabel, über die du mich anriefst.

Ich wollte tapfer sein. Ich wollte nicht eifersüchtig sein. Ich wollte es ertragen, dass du in der Weltgeschichte rumgurkst, während ich mein kleines Leben lebte. Klar. Du warst überall auf der Welt unterwegs, aber du warst auch in meinem Herzen. Aber dieser Trost hielt nicht lange an.
Wie viel Wodka sollte ich noch trinken? Wie viel Rum noch reinkippen? Wie viele Träume rauskramen, um den Schmerz zu vertreiben? Den Schmerz, dass du nie da warst, dass du immer von irgendwoher kamst und nach irgendwohin weiter musstest. Und dazwischen waren dann wir beide. Für ein paar Stunden, für eine Nacht, für ein kurzes Hallo und ein schnelles Tschüs. Ein bisschen wenig Zeit und ein bisschen wenig Platz für ein Herz und einen Körper, die sich nach dir sehnten.

Wir lieben uns so sehr, wir brauchen nicht immer zusammen zu sein, hast du gesagt. Klar, das sagt sich leicht für den, der die Flugzeuge besteigt und durch die Weltgeschichte gurkt. Der verheiratet und nie allein ist und sich alles nehmen kann.

Aber das kam alles erst am Ende unserer Streichler und erst dann, als unsere Küsse nicht mehr ganz so süß schmeckten. Diese Gedanken quälten mich erst am Ende unserer wilden Zuckungen, wenn sich unsere Körper über unser Zusammensein freuten. Am Anfang, oh, am Anfang war es so schön mit dir. Manchmal krame ich die Erinnerung an uns heraus. Oh ja, manchmal lass ich all die alten Bilder von dir und mir freudig tanzen. Dann erinnere ich mich wieder, wie du bei mir am Anfang auf dem Bett gesessen bist. Dein Rock war auf deinen Oberschenkeln dieses eine kleine Stück zu hoch gerutscht. Diese drei oder vier Zentimeter, auf die es ankommt, die alles signalisieren.

Ich weiß nicht, ob es Zufall oder berechnende Absicht war. Wie auch immer, es gefiel mir, wie du auf meinem Bett lagst, dich auf deinen Unterarmen abstütztest und dein Rock gerade eben das eine Stück auf deinen Oberschenkeln hochgerutscht war, um alle Signale auf Grün zu stellen. Mein Feuer brannte. Und du legtest noch ein kleines Stückchen Kohle nach mit deinem Lächeln. Wie kostbar war dein Lächeln für mich armen Einsamen. Wir würden uns lieben. Zumindest körperlich. Und es würde gut werden.

Vorhin im Taxi schielte ich verlegen zu dir rüber und wusste nicht, ob ich meinen Arm einfach so um deine Schultern legen könnte. Jetzt wusste ich auch nicht, ob ich so einfach zu dir aufs Bett kommen konnte. Meine Güte, warum immer diese Unsicherheiten? Also griff ich wieder das Gespräch von dem Presseempfang auf dem Bavaria-Filmgelände auf und wiederholte, dass ich gerne Musik machen würde, weil Worte niemals die Tiefe erreichen, die es braucht, um auszudrücken, um was es wirklich geht. Bla, bla, bla, blabla.

Ich konnte es nicht fassen. Du hier auf meinem Bett. Und ich hätte dich mit meinen Fingern erreichen können, wenn ich den Arm ausstrecken würde. Ich konnte dein schweres Parfüm schnuppern. Du hier! In meiner runtergekommenen Souterrain-Wohnung mit der Eisentreppe von oben nach unten. Du und ich. Ein Traum, den ich seit zwei Jahren hegte und pflegte. Und hoffen wir nicht alle, dass unsere Träume wahr werden? Natürlich. Aber gleich so dolle? So direkt? So hautnah? Träume sind so schön ungefährlich. Aber ich war bereit, in die Realität zu springen. Ach Quatsch, ich hatte bei dir gar keine andere Chance. Ob ich wollte oder nicht.
Ich dachte, mein Herz springt meinen Puls aus allen normalen Bahnen in den Herzkasper, als ich vorhin auf dem Bavaria-Gelände plötzlich auf dem Presseempfang dich erblickte. Ich konnte kaum zuhören, als sie erzählten, dass dein neues Video nachbearbeitet oder was weiß ich wurde. Ich konnte mich nicht drauf konzentrieren, was sie mir erzählen wollten, denn ich sah nur dich. Ich kannte jedes deiner veröffentlichten Lächeln. Kannte jedes Wort, das sie von dir auf Platten gepresst hatten. Hatte unzählige Gespräche mit dir in meinen Gedanken geführt. Hatte dir in meinen einsamen Stunden meine Verzweiflung gebeichtet. Und nun warst du läppische vier oder fünf Meter von mir entfernt. Und natürlich sahst du noch viel besser als auf all den Fotos aus. In mir legten sich die Schalter um. Das Programm Coolness & leichte Arroganz, hinter dem sich meine Ängste so gerne versteckten, kam in die Gänge. Ich guckte zu dir. Du gucktest zu mir. Irgendwelche BRAVO-Fotografen standen im Weg. Irgendwelche Musikreporter kreuzten den Raum zwischen uns. Aber das war egal. Ich wusste, wir hatten uns gesehen. Ich wusste, wir würden nicht voneinander lassen können. Es ist dieser eine Augenblick, aus dem man weiß, wie all die nächsten Monate sein werden. Bei mir schrie etwas aus der Tiefe meines Herzens nach dir. Und ich konnte hören, dass du antwortetest. Ich ging rüber zum Getränketisch und holte mir noch eine Cola. Ich zündete mir noch eine Zigarette an. Und ich blickte noch einen Blick zu dir rüber. Waren es zwei oder drei Leute, die auf dich einredeten? Egal. Das hektische Flackern in deinen Augen, als du rüberschautest und mich nicht mehr dort stehen sahst, wo ich gerade eben noch gestanden hatte, zeigte mir, dass es dir wie mir ging. Das hektische Rumgegucke quer durch den Raum bis du mich dann hier stehen sahst. Und dann die leichte Schüchternheit bei dir und mir, als sich unsere Blicke wieder gefunden hatten. Wir würden nicht voneinander lassen können, das war klar. Aber jetzt in diesem Augenblick siegte noch die Unsicherheit, die Angst, die Fremdheit. Jetzt in diesem Augenblick noch waren die vier oder fünf Meter zwischen uns eine unüberwindbare Wüste an Ängsten und Demütigungen und Verletzungen und Unsicherheiten, die man anhäuft in dem, was sie uns als unser Leben verkaufen. Du schautest wieder rüber. Eine Flutwelle ergoss sich in die Wüste. Sie blühte auf, Blumen und Pflanzen überall. Du und ich. Augenblicklich wurden hundertfünfzig Leute um uns herum in die Nichtigkeit dieses Augenblicks katapultiert. Unsere Unsicherheiten schickten wir gleich hinterher. Viel los dort draußen im Kosmos, in den wir einfach alles rausschossen, was uns störte.

Du fragtest mich, ob ich eine Zigarette für dich hätte, als ich mich durch die Leute zu dir rübergearbeitet hatte. Natürlich sahst du, wie meine Hand zitterte, als ich dir Feuer gab. Warum zittert meine Hand? Wo kommt das her? Kann es nicht aufhören? Deinen Kopf leicht nach vorne gebeugt und deine langen Haare mit einer Hand vorsichtig nach hinten haltend, schautest du mich an. Was für ein Blick! Aber natürlich registrierte ich auch, wie die Zigarette mehr als normal zwischen deinen Fingern zitterte, als du den Tabak zum Aufflammen brachtest. Und dein so sicherer, dein so provokativer Blick flackerte ins Unsichere davon, als du merktest, dass ich es bemerkte. Die ersten Tabakwolken stiegen auf. Können zwei Menschen so gierig an ihren Glimmstängeln nuckeln? Können Sie so hektisch die Rauchwolken ausstoßen? Wie zwei dampfende Lokomotiven standen wir da. Nein. Ach so. Ja. Danke. Bitte. Und wir redeten über irgendwelchen Blödsinn. Ich mit meinem ungeübten Englisch. Und du mit deinen freundlichen Floskeln. Und dahinter schrie es aus mir nur für dich hörbar: Ich will dich! Und durch deine geübten Floskeln schob sich dein Verlangen zu mir rüber, während du nach links und rechts redetest. Ich würde auch gerne Musik machen, sagte ich. Denn Worte können nie ganz ausdrücken, was man sagen möchte. Ah, du bist Schriftsteller? Ich fühlte mich toll.

Die alten Treppen knarrten. Irgendwie roch es muffig. Wir hatten uns in den dritten Stock der Filmhalle verkrochen. Ich vorneweg, du hinter mir, Hand in Hand. Wie zwei junge Schüler auf der Klassenparty. Heimlich davon gestohlen. Und das hatte irgendwie das Flair des Verbotenen. Lächerlich. Aber schleppen wir nicht alle unsere lächerlichen Schrammen mit uns rum? Natürlich. Selbst jetzt noch, in diesem Augenblick, als wir Hand in Hand die Treppe raufgingen, war ich unsicher, ob du wirklich wolltest. Aber ich spürte dich gleich hinter mir. Ich konnte deine Nähe fühlen und dein Parfüm riechen.
Wenn man ganz genau hinhörte, konnte man von unten noch das Gemurmel und Gebrabbel der Presseleute hören. Aber wir wollten nicht hinhören. Die Tür zu dem Büro war offen. Es war dunkel. Von draußen kam ein ganz schwacher Lichtschein von den Lampen auf dem Parkplatz unten vor der Halle in das Zimmer. Man konnte kaum was erkennen. Aber ich musste dich auch nicht sehen. Ich fühlte deine schmalen Schultern in meinen Händen. Ich roch dein Parfüm, als wir unsere Körper aneinander drückten, und ich fühlte deine Haare an meiner Wange, als wir uns ineinander verschlangen. Ich war einsam. Du warst einsam. Aber da war noch mehr. Hier standen nicht nur zwei Einsame unter Einsamen, die für einen Augenblick nicht allein sein wollten. Da war noch mehr. Und das kitzelte sich durch unsere Körper. Sprang blau in der Dunkelheit leuchtend zwischen unseren Körpern hin und her. Sprühte Funken aus den Spitzen unserer Finger, wenn wir uns berührten. Türmte sich über unseren Köpfen und sank dann wieder zurück in unsere Herzen. Bäumte sich dann fordernd auf in unseren Lenden. Wir setzten alle Segel und steuerten unser Schiff in den Wind. Ich zog dir deine Strumpfhose runter. Du fummeltest an meiner Hose. Unser Atem wurde schneller. Die Bewegungen hektischer und wilder. Aber nein, nicht so. Nicht hier. Obwohl ich nichts lieber wollte, als mit dir eins zu werden, nicht so. Du halb auf dem kalten Schreibtisch sitzend und ich vor deinen geöffneten Beinen stehend. Nicht so. Bitte nicht so. Leicht gesagt, wenn gleichzeitig die Unbefriedigtheit laut danach ruft, befriedigt zu werden. Aber nein, nicht so. Nicht mit dir und nicht mit mir. Nicht mir dir, von der ich schon so viel geträumt hatte. So sollte nicht das Ende meiner Sehnsucht nach dir sein. Es kam ein tiefer Seufzer aus mir, und ich drückte deinen Kopf ganz fest an meine Brust.

„You’re right“, sagtest du, obwohl ich nichts gesagt hatte. Du rutschtest vom Schreibtisch wieder runter und zogst dir die Strumpfhosen hoch. Mir fiel auf, dass du ganz schön klein warst, als wir jetzt so voreinander standen und uns noch drängender als vorher umarmten. Meine Güte, was fühltest du dich gut an! Ein süßer Wind der Freude wirbelte mich quer durch die Dunkelheit. So wie ein Blatt, hilflos und ohne Orientierung. Aber ich hielt mich einfach nur an dir fest. Noch ein Kuss. Noch ein Streichler. Noch ein Kuss. Noch ein zärtliches Liebkosen. Noch ein nasses Schmatzen an deinem Hals. Meine Güte, lass mich nie aus deiner Umarmung raus.

Wir gingen wieder die knarrenden Treppenstufen runter. Ich hatte keine Lust mehr auf den Presseempfang. Klar, du musstest wieder rein. Mit den zwei Worten, die im Moment alles Glück dieser Welt bedeuteten, ging ich raus in die frische Nachtluft. Der Name deines Hotels! Ich würde schnell duschen. Ich würde mir die Zähne putzen. Ich würde mir die Haare waschen. Ich würde mit dem Taxi zu deinem Hotel fahren. Ich würde mit dem Codewort an den Empfang gehen und mich zu dir durchstellen lassen. Du würdest runterkommen. Wir würden zu mir nach Hause fahren. Ah! Das Leben ist herrlich. Und wie zur Bestätigung funkelten über mir im dunklen Nachthimmel die Sterne. Lachten mir zu. Jubelten, denn hier unten ging der Gewinner. Ich dackelte am Pförtner vom Filmgelände vorbei. Ich ließ mir kein Taxi rufen. Viel zu teuer. Stattdessen ging ich zur Straßenbahnhaltestelle. Die Fahrt dauerte ewig. Aber egal. Ich hatte den Namen deines Hotels. Und ich hatte das Codewort, um zu dir durchgestellt zu werden. Und ich hatte noch das gierige Zittern deines Körpers, als ich dich vorhin im Arm gehalten hatte. Ich hatte noch das süße Strömen deiner Lenden, als wir uns vorhin aneinander gedrückt hatten. Dann ging alles so schnell. Ich mutigen Schrittes durch die Hotelhalle zum Empfang. Sofort warst du am Telefon. Hattest du etwa genauso ungeduldig wie ich zu dir lief auf mich gewartet? Dann schon unten. Was sollte ich machen, als du aus dem Fahrstuhl kamst? Dich umarmen? Hier vor allen Leuten? Aber ich sah sofort, dass du dich umgezogen hattest. Ob du so wie ich aufgeregt und unsicher warst? Wir lächelten uns an. Wir ließen unsere Hände durch den schier unendlichen Raum hängen und wussten nicht, ob wir uns umarmen oder einfach nur die Hände geben sollten. Uns die Hände geben? Wir, nachdem ich vorhin mit runter gelassenen Hosen vor deinen geöffneten Beinen auf dem Schreibtisch gestanden hatte? Wir sagten nichts. Wir gingen nebeneinander raus und stiegen in ein Taxi. Und jetzt schon hier in meiner Wohnung. Alles geht so schnell. Und dabei bräuchte ich Zeit. Zeit, weil ich so unsicher bin. Ich würde reden wollen, um die Unsicherheit zu vertreiben. Aber wofür sollte das gut sein? Waren wir zusammen gekommen, um zu reden? Oder waren wir hier, weil sich meine Hände nach deiner Haut sehnten! Du nur wenige Zentimeter von mir entfernt. Jetzt einfach so zu dir aufs Bett kommen? Ich schaute dich an. Und du schautest mich an. Reden? Aber was bleibt einem kleinen Mädchen und einem kleinen Jungen, die Angst vor sich und der Welt haben, anderes übrig?

„What is the word?“, fragtest du.

„I give it to you”, sagte ich, “The word is love“.

“Love, he?”, sagtest du, und es kam ein kleines, feines Lachen auf deine Lippen. Und deine Strümpfe knisterten, weil du deine Beine bewegtest.

„And the sound? What is the sound?”, fragte ich.

Und du schautest mich überlegend an und sagtest dann: “The sound is cosmic“. Strecktest deine Arme aus und machtest es mir einfach. Ich hatte alles richtig gemacht. Vorhin in dem muffligen Büro nein zu sagen, war richtig. Jetzt neben dir aufs Bett zu rutschen und nichts zu sagen, war richtig. In deine weichen Arme zu rutschen, war richtig. Sich in deinem Parfüm zu verkriechen, mein linkes Bein über deine schmalen Hüften zu schieben, mich ganz nah an dich ran zu kuscheln und mich gegen deinen Körper zu drücken, all das war richtig. Und ich wusste, es würde schön werden mit uns. Du strecktest deine Hand aus. Und ich nahm deine Hand aber in Wirklichkeit nahm ich einen Stern. Du strecktest deine Lippen aus und ich nahm deine Lippen aber in Wirklichkeit nahm ich ein explodierendes Universum, und wir beide sprangen mitten rein. Und du strecktest deinen Körper zu mir aus und ich kroch in deinen Körper rein. Einsame Nächte adé. Guckt her, ihr bösartigen Kobolde, die ihr mir Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung in meine Wohnung schaufelt, schaut her, ihr Blödmänner, ich fliege davon. Ich lass euch einfach stehen. Und du strecktest das aus, was kein Wort und keine Musik beschreiben kann und was dennoch jeglicher Grund für jedes Wort, das je gesprochen, und für jeden Ton, der je gespielt wurde, ist. Und ich nahm, was du mir gabst. Und ich gab dir, was du haben wolltest.

Kann es sein, dass das alles wirklich schon ein Vierteljahrhundert her ist? Ich rieche noch heute manchmal dein Parfüm. Spüre deine nassen Lippen auf meinem Hals. Und es reißt mich auseinander, weil ich dran denke, wie es war, zwischen deinen Schenkeln in deine Wärme reinzurutschen. Meistens jedenfalls.

„Love is the sound“, sagtest du hinterher, um das Gespräch von vorher wieder fortzusetzen, und nahmst mir meine Zigarette weg. Ich konnte dir stundenlang in deine Augen schauen. Sie waren so schön. Sie waren so freundlich und leicht. In deinen Augen war alles so einfach und leicht. Du redetest, und ich schaute einfach nur in deine Augen ohne zuzuhören, was du sagtest. Und irgendwann drückte die Sehnsucht die Befriedigung zur Seite. Und wir legten die Zigaretten weg und krochen wieder ineinander, schmiegten uns so eng es ging aneinander.

Ich weiß nicht mehr, über was wir redeten. Die Nacht war fast schon vorüber. Wir lagen in meinem Bett und ich hätte dich gerne für die nächsten zwei oder drei Ewigkeiten nicht weggelassen. Aber du musstest weiter. Unsere ganze Beziehung bestand eigentlich zur Hälfte daraus, dass du immer irgendwie weiter musstest. Die andere Hälfte bestand darin, dass ich auf dich wartete. Aber der Rest, für den sich alles lohnte, war dieses süße Zucken unserer Körper in den kurzen Augenblicken, die zu kosmischen Ewigkeiten werden konnten. In diesen Augenblicken war ich nicht mehr ich und du warst nicht mehr du. Fast jedenfalls. Den allerletzten Rest konnten auch wir nie aufgeben. Wilhelm Reich hatte es Orgastische Potenz genannt, um die Fähigkeit zu beschreiben, sich ganz und gar im sexuellen Höhepunkt hinzugeben und mit dem Kosmos, mit der Natur eins zu werden. Die Grenzen des eigenen Ichs wirklich hinter sich zu lassen. Wir waren nicht orgastisch potent. Na gut, man kann nicht alles haben. Wir segelten immerhin völlig berauscht quer durch den Kosmos und konnten unser Glück kaum fassen.

Als es draußen langsam hell wurde, fuhr ich mit dir in dein Hotel. Als jemand, der es gewohnt ist, aus dem Koffer zu leben, hattest du deine sieben Sachen schnell beisammen. Runter. Bezahlen tut das Management. Rein ins Taxi. Ich stand dann lange am Flughafen und stierte in den Morgenhimmel, in welchem dein Flugzeug von der frühen Sonne angestrahlt metallen glitzernd verschwunden war. Was war mir geblieben? Der Zettel, rausgerissen aus einem Notizbuch, mit deiner Telefonnummer in England. Ob du den Zettel mit meiner Telefonnummer noch haben würdest? In der S-Bahn rechnete ich aus, wann du zu Hause sein würdest, damit ich dich anrufen könnte. In meinem Kopfkissen fand ich noch die Schwaden deines Parfüm. Im Zimmer hatte sich das Rascheln deiner Strümpfe versteckt. Und in meinem Herzen fand ich eine schon wieder aufflackernde Sehnsucht nach deinem Körper.

Für die Fahrt vom Flughafen in deine Wohnung hatte ich knappe fünfundvierzig Minuten eingerechnet. Und auf die Sekunde genau hatte sich mein Anruf bis zu deiner Nummer in England rübergehangelt. Es klingelte, aber niemand ging ran. Auch nicht nach siebenundvierzig Minuten. Gut, vielleicht war viel Verkehr, und es dauert eben anderthalb Stunden vom Flughafen bis in deine Wohnung. Ich glaube, ich habe alle Telefone dieser Welt bimmeln gehört, weil ich dir immer hinterher telefonierte. Hotelzimmer in Kanada und Amerika. Konzerthallen in der australischen Pampa. Oslo und Kopenhagen? Auch dort. Meine Sehnsucht telefonierte ich um die halbe Welt und überall klingelten immer irgendwo irgendwelche Telefone. Musstest du denn wirklich immer auf dem Sprung sein? So weit weg. So unerreichbar weit weg. Hättest du nicht öfters einfach bleiben können? Denn es half nicht, dass ich mir vorstellte, du würdest ja wieder zurückkommen. Aber damals, an diesem Morgen nach unserer ersten Nacht, tat mir das noch nicht weh.

Ich stand unter der Dusche. Es war schon später Nachmittag. Ich hatte mir die Finger wund telefoniert aber dich nicht erreicht. Nun würde ich es am Abend wieder versuchen. Oder vielleicht sogar mich mit dem Gedanken anfreunden, dass alles nur ein einmaliges Erlebnis war. Ja, was wird sein, wenn ich dich nie wieder sehen werde? Panik! Und wenn alles in drei Wochen schon so unwirklich geworden ist, dass ich selber nicht mehr weiß, ob es tatsächlich passiert ist, oder ob ich’s mir nur eingebildet habe… in die aufkommende unsichere Hektik klingelte mein Telefon. „Ja? Hallo?“

„Hi, you there.“ Fünfzigtausend Schmetterlinge flatterten aufgeregt in den Himmel. Irgendwer zündete eine Atombombe. Irgendwer sprengte diesen Planeten in die Luft. Irgendwer ließ das gesamte Universum erzittern. Und dieser irgendwer warst du. Und du kamst tatsächlich mit dem letzten Nachtflug von London zurück nach München. Hier bin ich Welt! Der Größte und Beste! Der Glücklichste! Der tollste Typ zwischen München-Neuhausen und der einsamen Außenstation einer fremden Zivilisation auf dem fünfzehnten Jupiter-Mond. Diesmal war die Unsicherheit zu Hause geblieben. Ich umarmte dich. Wir lachten. Wir konnten es im Taxi vor Sehnsucht kaum aushalten. Und in meiner Wohnung stürzten wir schon im Flur übereinander her. Meine Güte, was ist das Leben schön!

Weißt du eigentlich, dass wir nie einen Morgen danach im Bett geblieben sind? Stets mussten wir hektisch aufstehen, weil irgend ein Flugzeug auf dich wartete, irgendein Auto den Motor schon laufen hatte, um dich wegzubringen. Immer liefen wir mit im Wind flatternden Haaren die Eisentreppe von meiner Souterrain-Wohnung rauf einem deiner Termine hinterher. Und das mir, der ein Langschläfer ist! Selbst damals in Cannes, als wir eine ganze Woche zusammen waren, klopfte uns jeden Morgen der Zimmerservice erbarmungslos aus dem Bett.
Und dabei sind doch die verschlafenen Flüsterer morgens zwischen Schlaf und Liebe so schön. Schlaftrunken, noch teils in der Nacht stehend, mit einem Fuß schon vorsichtig den neuen Tag austestend, flüstert man sich zu, was schwer zu sagen ist. Ich bin immer an deiner Seite. Ich werde dich nie verlassen. Du bist mein Mann. Ich bin deine Frau. Du bist meine Frau. Und ich bin dein Mann. Ist es noch Traum oder schon Wirklichkeit? Die Unbefriedigtheit oder gar die Geilheit sind in der Nacht zurück geblieben. Die Ängste hängen verlassen und überflüssig geworden in den Ästen vieler Zärtlichkeiten der vergangenen Stunden. Die Unsicherheiten haben sich in der Dunkelheit der Nacht verirrt und kommen einfach nicht mehr zurück. Aber all diese zärtliche Unbekümmertheit des frühen Morgens haben wir eigentlich nie richtig erlebt. Immer wartete ein Flieger auf dich. Immer irgendwo ein Auto. Immer ein Termin. Immer nur schnell-schnell, weil die Zeiger der Uhr gnadenlos unsere gemeinsame Zeit wegtickten. Wenn ich jetzt die Augen zumache, könnte ich dich sagen hören: Wir brauchen das nicht. Wir haben doch uns. Ja, ja, so hättest du das gesagt. Genau so. Und dabei hättest du leicht gelächelt. Und mein bis oben hin mit Liebe gefülltes Herz hätte es dir nur zu gerne geglaubt. Nun gut, ich gebe gerne zu, dass mein Körper, der dich und deine Zärtlichkeiten so sehr liebte, es auch gerne glaubte. Wir haben doch uns. Und vielleicht, vielleicht hast du es wirklich so gemeint.

Ich will kein Tagebuch unserer Beziehung schreiben. Was würde das bringen? Nix. Und dennoch packt es mich jetzt manchmal, dass ich alles aufschreiben, alles festhalten will. Wofür? Wem soll das etwas bringen? Ich denk nur dran, wie oft ich all deine Platten weg geworfen haben. Und sie dann doch immer wieder jedes Mal bei Montanus neu gekauft habe. Kein Wunder, dass du manchmal in die Top-20 kamst. So wie ich damals auf dem Pressempfang gleich wusste, dass wir uns finden würden, so wusste ich eines Tages, dass Schluss ist. Oh, ich drückte das Gefühl weg, verscheuchte es mit allen schönen Gedanken an uns, aber der Schatten wurde größer und dunkler. Ich weiß, wann was anfängt. Und ich weiß, wann was zu Ende ist. Und das war an diesem Tag, als du im Flugzeug irgendwo über den Wolken saßt, und ich an einem Artikel über den Botanischen Garten in München arbeitete. Ganz banal. Aber da kam der Schrecken, dass ich dich nicht mehr liebte. Und so sehr ich das Gegenteil denken wollte, war mir klar, dass du mich auch nicht mehr liebst. Man spürt das. Quer über die Kontinente. Hört es hinter allen Liebesschwüren. Fühlt es in der Feinstofflichkeit, auch wenn es sich grobstofflich noch gar nicht in Desinteresse am anderen manifestiert hat. Ich liebe dich, sagte ich in mein Zimmer, obwohl du nicht da warst. Und ich lauschte dem Klang meiner Worte. Eindeutig, es war zu Ende. Hätte ich gerne alles mit uns noch mal begonnen? Ja und nein.

Düsenclipper aus Seattle

Irgendwo zwischen Island und Grönland 7.000 Meter hoch in den Wolken sitzt du bei eingetrockneten Plastikbrötchen. Hast deine Reisetasche zwischen deinen schönen Beinen auf dem Boden vor dir. Und irgendwer raucht billige französische Zigaretten.

Ich habe deine Stimme aus der schlechten Überseeleitung noch im Ohr. Und manchmal reib ich mir meine Nase an der Schulter und bilde mir ein, dass ich noch den einen oder anderen Hauch von deinem schweren Parfüm einfange.

Es ist nicht so, dass ich dich liebe. Aber ich möchte dich gerne bald wieder in den Arm nehmen.

Und so sitze ich viel zu früh in der S-Bahn zum Flughafen. Hab mir schon die zweite Schachtel Zigaretten gekauft und trödele unruhig durch die Wartehallen.

Oh Düsenclipper aus Seattle, leg noch einen Zahn zu! Schalte den Turbo-Nachbrenner ein. Schwing dich auf einen dieser schnellen interkontinentalen Winde und segle her zu mir.

Wir gehen jetzt noch einen trinken, sagte mir das Telefon. Und ich hätte gerne gesagt, dass ich nicht möchte, dass du noch mit den Typen weggehst. Aber ich wäre mir dabei selber lächerlich vorgekommen. Obwohl ich mir gerne vorstellte, dass es nur uns gäbe. Das Wetter hier drüben ist Klasse, sagtest du. Ich sagte, ich wäre froh, wenn du jetzt bei mir wärst. Das hast du nett gesagt, sagtest du. Aber es kam so dahin gesagt herüber.

Aber jetzt bist du gestartet. Und nichts wird dich mehr aufhalten.
Oh Düsenclipper aus Seattle. Leg noch einen Zahn zu und bring sie mir bald zurück.
Irgendwo zwischen Island und Grönland 7.000 Meter hoch in den Wolken sitzt du bei Plastik-Kaffee. Hast irgendeine langweilige Zeitung aufgeschlagen. Oh Düsenclipper aus Seattle, leg noch einen Zahn zu. Schalte den Turbo für deine Triebwerke ein. Schwing dich auf einen dieser interkontinentalen Winde und komm schnell runter zu mir.

Ich habe geträumt, dass ich dich bräuchte. Aber es wäre gelogen, wenn ich es dir erzählte. Und dann bist du durch die Sperre gekommen. Und du sahst so phantastisch gut aus. Und ich kam mir in meinen alten Jeans so deplaziert vor. Und dann suchten wir uns ein Taxi. Und ich zündete mir schon wieder eine Zigarette an, weil ich spürte, dass nicht alles gesagt werden würde. Und dann standen wir mit dem Taxi in einem nicht enden wollenden Stau. Und du erzähltest, wie erfolgreich Kanada gewesen war. Ich sagte nichts, weil ich nichts zu erzählen hatte. Ich legte meinen Arm um deine Schultern, und wir küssten uns. Aber deine Lippen waren kalt und desinteressiert. Ich bin müde, sagtest du. Du weißt, wie sehr ich mich auf dich gefreut habe, sagte ich. Aber du sagtest nichts. Und dein Schweigen streifte mein Herz und schlitzte es der Länge nach auf. Das Blut lief an mir runter auf das Polster der Rückbank im Taxi. Der Schmerz pochte mir hoch bis in den Schädel. Ich überlegte, ob ich alles dran setzen sollte, dich in mein Bett zu bekommen. Aber ich hatte keine Lust auf dieses Spiel. Wir haben dann doch miteinander geschlafen. Klar. Warum bist du sonst gekommen. Warum habe ich sonst auf dich gewartet. Aber es war diesmal so normal. So lustlos. So mechanisch. Nicht diese Art von schlechter körperlicher Liebe, wie man sie manchmal an nicht so guten Tagen erwischt. Nein, sondern diese Art von falscher körperlicher Liebe mit der Erklärung Ich bin so müde, Ich hab so viel um die Ohren oder was weiß ich. Du knietest vor mir. Ich kniete hinter dir und fickte dich statt dich körperlich zu lieben. Wir segelten nicht mehr raus in den Kosmos, um lachend an der Unendlichkeit zu klopfen, sondern ich schwebte nur ein paar Zentimeter über uns beiden traurigen Gestalten und weinte. Meine Tränen liefen meine Backen runter und tropften auf mich runter, während ich dich fickte. Vielleicht hast du auch geweint. Ich weiß es nicht. Was für ein Unterschied zu früher, als jede Bewegung unserer Körper eins mit uns war. Jetzt ein lächerliches Rumgeficke. Es würde das letzte Mal sein, war mir klar. Würdest du sagen, dass ich dich nicht mehr befriedigen kann? Würdest du sagen, dass da keine Liebe mehr zwischen uns sei? Würdest du sagen, dass da ein Neuer ist? Ich wusste, dass es zu Ende war. Aber ich konnte nicht einfach uns aufgeben. Warum eigentlich nicht? Ich weiß es nicht. Und so rief ich dich doch wieder an. Wider besseres Wissen. Tat so, als wenn alles wie früher sei. Warum noch eine Runde auf dem Karussell drehen? Ich weiß es nicht. Ich wusste es damals nicht, und ich weiß es auch jetzt nicht.

Und das Ende

Und nun war ich auf dem Weg zum Flughafen. Und ich würde es mal wieder gerade eben schaffen. Und du hattest mir aus London eine Stange „Gold Leaf“ mitgebracht. Und ich rauchte ununterbrochen. Und wir nahmen uns einen Mietwagen und fuhren raus zur Isar. Und wir gingen am Hochufer spazieren. Und wir gingen schweigend nebeneinander, ehe ich meinen Arm doch um deine Schultern legte und wusste, dass sich Schultern in diesem Leben nie wieder so anfühlen würden. Und du sagtest, du müsstest heute Abend wieder zurück nach Manchester. Und ich sagte, dass ich dich liebe und für mich haben wollte. Und du sagtest, ich hätte dich doch. Und ich lachte verzweifelt.
Und ab und an keuchte sich ein Jogger an uns vorbei. Und wir blieben stehen. Und du schmiegtest deinen schlanken Körper gegen meinen. Und ich wusste, dass sich ein Körper in diesem Leben nie wieder so anfühlen würde. Und wir nahmen uns in den Arm und ich bin noch heute sicher, dass wir beide heulten. Und du küsstest mich. Und die Tränen schmeckten salzig auf meinen Lippen. Und ich sagte, ich liebe dich so sehr. Und du sagtest, ich weiß. Und ich hätte dich gerne sagen gehört, dass du mich auch liebst. Und die untergehende Sonne goss vierzehn Millionen Tankladungen kastanienrotbrauner Farbe über die Szene. Und die untergehende Sonne tauchte dein langes Haar in ein rotes Diamantenfeuer. Und aus dem rotbraunen Kosmos funkelten deine grünen Augen wie Smaragde. Und ich sog dieses Bild so gierig in mich auf, als ob mein Leben davon abhängen würde. Und ich legte meinen Arm ganz fest um deine Schultern. Und uns keuchte schon wieder ein Jogger entgegen. Und ich sagte: „Warum fliegst du heute Abend schon wieder zurück?“ Und du sagtest, du würdest mich lieben. Und ich sagte, Liebe braucht auch Nähe. Und du sagtest, wir seien uns doch immer nah. Und ich wusste, es war mit uns zu Ende. Und wir küssten uns. Und während wir wieder zurück zum Auto gingen, sagtest du, dass du nicht mitkommen würdest können, weil du unbedingt wieder zurück musst. Und ich sagte nichts, denn ich hatte keine Kraft mehr, um das bisschen zu kämpfen, was zwischen uns noch übrig geblieben war. Und wir gaben den Leihwagen zurück. Und du zahltest mit deiner goldenen Kreditkarte. Und ich stand in der Abflughalle und schaute durch die Glasscheiben zu, wie dein Flugzeug gen Nordwesten davonflog. Und ich fuhr mit der S-Bahn nach Hause. Und ich legte mich ins Bett. Und ich wollte heulen aber konnte nicht. Und als spät in der Nacht das Telefon klingelte, ging ich nicht ran. Und als ich dich fünf Minuten später anrief, nahm niemand ab. Und ich lief die Wände rauf und wieder unter. Und ich rief dich über all die Jahre vierhundertdreizehn Millionen fünfhundertzwölftausenddreihundertacht Mal an aber legte jedes Mal gleich wieder auf, wenn es klingelte. Am Horizont kam ein Sturm auf. Ich wäre gerne in deine warmen Arme geflüchtet. Hätte gerne mein Gesicht in deinen Haaren versteckt. Aber du warst nicht mehr da. Würdest nie wieder da sein. Die Welt würde nicht untergehen. Aber mir stand das Wasser bis zum Hals und ich paddelte wie ein Verrückter, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.

Du hast mich dann angerufen. Drei oder vier Wochen später. War es aus Glasgow oder Phoenix? Wer soll sich all die vielen Orte merken? Du wolltest, dass wir uns treffen. Ich war so stolz auf mich, dass ich sagte, ich hätte keinen Bock, dass du auf deinem Rückflug nach England in München vorbeischaust. Aber ich hätte mir gewünscht, dass du mich mit Telefonaten bombardierst. Dass du um ein Treffen bettelst. Aber nix da. Der long distance call ging zu Ende. Und das passierte auch endgültig mit unserer Beziehung. Ich warf mal wieder all deine Platten weg. Und kaufte mir später deine Alben auf CDs. Ist das alles tatsächlich ein Vierteljahrhundert her? Künstler wird man aus Verzweiflung, sagt man. In einem Interview las ich neulich von dir, dass dir das beste Album gelungen sei, als es dir prima ging. Aber für meinen Geschmack hast du dein schönstes Lied geschrieen und gebrüllt, als du nicht mehr den Weg vor noch zurück kanntest. Aber egal. Manchmal surfe ich durch das Internet und klicke die WebSites über dich an. Auf der Suche nach neuen Bildern. Obwohl ich eigentlich keine neuen Bilder von dir in meinem Kopf haben will…

Ich habe nicht viel zu bereuen. Aber es tut mir leid, dass ich nach uns diese Frau in mein Bett und in mein Leben zog. Ich war noch nicht einmal richtig erregt. Und ich zog alle Register, nur um das Gefühl zu genießen, dass sie auf mich abfährt und mich toll findet. Sie erzählte irgendwas, aber ich hörte nur unseren Gesprächen aus der Vergangenheit zu. Sie wollte irgend eine Zukunft für uns, während ich nur darüber nachdachte, warum es mit uns nichts geworden war. Aber auch das fand sein Ende. Und so langsam kurvte ich zurück in die Normalität.


Der Flipper-Fick

Du warst die Chefredakteurin. Und ich nur ein Fuzzi, der die Anzeigen reinholte, damit die Zeitung jeden Monat zu finanzieren war. Du hattest ein Verhältnis mit dem Herausgeber, während mir meine Freundin in Birkenstock-Sandalen mit Liebe selbstgebackene Roggenbrötchen vorbeibrachte. Und dann trafen wir uns auf dieser Party in der Kunstgalerie. Du konntest kaum noch stehen. Ich drohte umzufallen, obwohl ich mich an meinem Glas Wodka tapfer festhielt. Du warst mit deinem Herausgeber unterwegs. Ich glaube, ich war allein. Liebe war es nicht. Unwiderstehliche Anziehung auch nicht. Es war nur so ein Flackern von dummer Dreistigkeit. Wir können es unter dem Flipper treiben, sagtest du. Und ich war blöd genug, mitzumachen. Ob uns niemand bemerkte? Oder ob alle Gäste nur zu höflich waren und es geflissentlich ignorierten? Oder ob alle interessiert zuschauten, und wir nur viel zu besoffen waren, es zu bemerken? Ich weiß es wirklich nicht. Aber jedes Mal, wenn ich von einer Vernissage höre, jedes Mal, wenn auf meinem Schreibtisch Einladungen irgendwelcher Galerien landen, muss ich an uns beide denke. Von Zeit zu Zeit sehe ich dich, wenn sie dich durch die Talkshows reichen, weil du wieder mal ein fürchterlich wichtiges Buch über die Kunstadaption der neueren Filmgeschichte oder was weiß ich geschrieben hast. Wenn sie deinen Namen einblenden, steht der Doktortitel, den du noch gemacht hast, davor, und ich liege auf meinem Sofa und denke, du bist auch nur einer von uns, der verloren hin und her gelaufen ist und doch nie fand, was sie suchte.

Ich weiß, was richtig und was falsch ist. Aber ich lüge dennoch. Ich lächle, wo ich wütend werden sollte. Und ich werde wütend, wenn ich lächeln sollte. Halte durch, habe ich mir mit siebzehn gesagt, halte durch, es wird bald alles gut. Und dann wurde ich älter und älter und glaubte mir immer noch, wenn ich sage, halte durch, es wird bald alles gut. Aber mein Herz wurde kalt wie die Hölle, und ich lass mich vom Mist im Fernsehen immer wieder anziehen. Mit dem bisschen, was von Ehrlichkeit und Anstand übrig geblieben ist, bau ich mir mein bisschen Leben zusammen und hoffe, dass ich nicht ins Chaos rausfalle. Liebe kommt zu denen, die dran glauben, sagt man.