Ein Tag zu Ende

Literatur

 

Ein schöner Tag ist zu Ende. Die Kinder sind im Bett. Hinter mir auf seiner Decke träumt mein Hund vor sich hin. Und ich? Ich mag nicht ins Bett gehen, weil da niemand auf mich wartet.

*

Und so lieben und hassen und lügen und hoffen wir uns durch die Jahre, die am Ende unser Leben sein werden.




 

Kein Mond. Kein Stern am Nachthimmel.
Unten über dem See hat sich schon seit dem späten Nachmittag eine undurchdringliche Nebelwand aufgebaut. Trägt ein Riese heute Nacht die Berge vom anderen Ufer weg? Oder sind sie morgen früh noch da?

Hier oben am Haus leuchtet die Weihnachtslichterkette an der Eingangstür durch die Dunkelheit und schimmert bunt über die Schneedecke, die seit Tagen Garten und die Bäume belegt hat. Ich mach die Lichter nicht aus in diesen dunklen Stunden. Laß sie leuchten. Auch wenn sie niemandem ein Leuchtfeuer durch die dunkle Nacht sein werden.

Die Kinder sind schon seit langem im Bett.
Ich hab mir den Elektroheizer neben den Computer gestellt, weil es jetzt zwischen Mitternacht und Morgen so bitter kalt wird, ich die Klimaanlage nicht anwerfen will und wir erst morgen unser neues Kaminholz bekommen.

Hinter mir auf seiner Decke liegt mein Hund.
Von Zeit zu Zeit läuft er im Schlaf. Knallt wedelnd seinen Schwanz laut auf den Holzfußboden. Vielleicht jagt er den Bären, der sich seit einiger Zeit hier herumtreibt, uns eine Mülltone demoliert und den Müll geklaut hat.

Ein schöner Tag ist zu Ende

Ein schöner Tag ist zu Ende.
Und vorhin beim Abendspaziergang mit dem Hund durch die klirrende Kälte hab ich an dich und mich an der Atlantik-Küste an jenem eisigen Dezember-Tag gedacht.

Ich hätt' jetzt gerne wen, die mich in den Arm nimmt und durch die kalte Nacht bringt.
Ich hätt' jetzt gerne wen in meinem Bett, die mich festhält und erst morgen früh wieder los läßt. Aber das ist mir ja eh nicht alles genug. Mag die eitlen Streichler nicht mehr. Kann die aufgesetzten Liebeleien nicht ertragen. Aber die eine, deren Nähe ich so oft spüre und die mich um die halbe Welt getrieben hat und deren Herzschlag ich durch die Himmel fühle, die ist noch nicht da.

Eine Nacht mitten unterwegs

Ein Tag zu Ende.
Eine Nacht schon mitten unterwegs.
E. hat mir letzte Woche eine eMail geschrieben und gesagt, daß ihr alles so leid täte. Du meine Güte, das ist doch alles schon so lange her. Oder liegt es am Älterwerden, daß man alte Kontakte sucht und richten will, was man einst verbog? Und so lieben und hassen und lügen und hoffen wir uns durch die Jahre, die am Ende unser Leben sein werden.

Versteinerter Liebhaber
und seine Liebste

Ein schöner Tag ist zu Ende.
Morgen bekommen wir neues Kaminholz.
Und der Hund wird wieder stundenlang in der Eiseskälte vor der Haustür im Schnee sitzen und seine Nase in die Luft strecken, um den Bären zu riechen.
Und ich werde dann mit ihm runter zum See gehen und über die Wasser rüber zu den Bergen gucken. Die Indianer sagen, daß zwei der Berge ein junger Liebhaber und seine Liebste seien, die der böse Fuchs versteinerte, weil sie nicht an ihr Glück glauben konnten.
Oh, ich will an mein Glück glauben. Und so steig ich manchmal mit den Seekopfadlern auf, breite die Arme aus und laß alles hinter mir, während ich mit dem Wind weit, weit raus über den See hoch in die Himmel schwebe und nur wiederkomme, weil sie doch noch auf mich wartet.
Außerdem hatte ich noch nie ein wirkliches Zuhause und bin hier dort, wo ich hingehör.

Traum & Wirklichkeit

Wenn ich nachts von ihr träume, dann werde ich wach und denke, was für ein Schwachsinn.
Aber dann sagt sie, daß das nichts mit uns wird, wenn ich nicht dran glaube. Und sie wird traurig und ihr steigen ein paar Tränen in die Augen und sie versteht nicht, warum ich nicht akzeptieren kann, daß Traum & Wirklichkeit keinen Unterschied machen. Das fiel mir schon immer schwer. Darüber haben sich A. und ich stundenlang gestritten und letztlich haben wir uns darüber auch verloren.

Es ist nur ein Tag zu Ende.
Ich will hier nur in der Nacht sitzen.
Die Elektrowärme vom Heizer spüren.
Von Zeit zu Zeit zum Fenster gehen und gucken, ob die Weihnachtslichterkette noch über die schöne Schneedecke scheint und unten vom See nichts Bedrohliches aus der Nebelwand kommt.
Es ist nur ein schöner Tag zu Ende.
Ich will hier faul sitzen, nicht den Abwasch in der Küche machen. Ein bißchen an dich denken. Und dem Lieben Gott nachher für das schöne Leben danken.

Nichts ändert sich

So manches ändert sich einfach nicht.
Ich hab mal wieder meine Beatles-Sammlung auf dem MP3-Player durchgedrückt. Und immer noch bleibt "Please Mister Postman" mein Lieblingslied (aber ganz, ganz dicht von "Yer Blues" gefolgt). Und dann hab ich doch die Klimaanlage angeworfen, weil es so bitterkalt wurde. Und gegen meine Herzenskälte werde ich noch ein wenig an dich denken, während dieser Tag zu Ende geht und aus dieser Nacht und unseren Träumen der neue Tag entsteht.

Literatur bei Flensburg online

zur Startseite von • Flensburg online


—  Flensburg SitemapSitemap     Kleinanzeigen     Radio


Flensburg online: Poems