Als Engel Raabe
nicht mehr mochte

Als Engel Raabe nicht mehr mochte
 

 
  
   
 

 

   
   
   
   
   

 

Literatur

Ausgerechnet du,
von deren Lachen ich nie genug bekommen konnte, schießt sich ein Nichts in den Kopf.

Ausgerechnet in den Kopf, den ich so oft in meinen Händen hielt, wenn wir uns liebten.
Und hinterher schauten wir uns an und lachten oder weinten.

Und ausgerechnet du schießt dir ein Nichts in den Kopf?

Was für eine verrückte Welt.


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Wo sie bloß den Revolver her hatte.
Wie sie bloß sowas machen konnte.
Ob ich was wüßte.
Aber ich wußte nichts.
Und erzählte auch nichts.
Kein Wort von der kalten Herbst-Nacht vor 35 Jahren, an die ich sofort dachte.

Wir waren damals weit hinaus aufs Engerser Feld gegangen. Und du zogst plötzlich mitten in dem eisigen Regentreiben aus deiner Umhängetasche den Revolver.

Eisig-kalte Herbst-Nacht

'Hey, laß den Mist', sagte ich.
Aber du knalltest in die eisige Nacht.
Ich hab dir nie was abschlagen können, also nahm auch ich den kalten Stahl und schoss zwei, drei Kugeln irgendwo in die Ferne. Meine Hand zitterte dabei. Und kleine Funken brannten sich bei jedem Schuß schmerzend in meine Haut.

Jetzt hast du also nicht mehr gemocht.
Du, von deren Lachen ich damals nie genug bekommen konnte. Ausgerechnet du schießt dich aus diesem Leben. Du, deren Kopf ich so oft in meine Hände nahm. Und manchmal, wenn wir uns so geliebt hatten, dass es kaum ein Zurück für uns aus den fernen Weiten der sanften Ozeane gab, dann stiegen mir die Tränen in die Augen, wenn ich deinen Kopf so in meinen Händen hielt, und du mich tief anschautest.
"Oh, es ist so..."
"Ja, ich weiß", sagtest du und lächeltest.

Ich hab dann deine Knarre nie wieder gesehen. Doch. Ein paar Monate später waren wir im kalten Januar in diesem Ferienhaus in Dänemark. Wir kämpften uns gegen den Nordwind durch die Dünen und froren. Da hast du deine Pistole dabei gehabt, und wir schossen hinaus aufs Meer.

'Wofür brauchst du das?', fragte ich.
'Macht', sagtest du und schautest mich an.
'Macht? Über wen?'
Du stecktest das Ding weg und es tauchte nie wieder auf. Nicht in Paris. Nicht in Amsterdam. Nicht in London. Nicht in Hamburg.
Wir gingen zurück ins Haus, brachten das Feuer im Kamin zum Lodern und krochen ins Bett und liebten uns.

Ich hätte damals gerne gewußt, von wem du den Revolver hattest.
Ich hätte gerne gewußt, von wem du die Yellow Sunshine LA und all das Preludin bekamst.
Ich hätte gerne gewußt, wer die Männer waren, von denen ab und an Briefe auftauchten.
'Das ist nicht wichtig', sagtest du dann.
'Absolut nicht wichtig für uns.'
Und wenn ich zweifelte, schobst du nach:
'Du weißt es doch. Für uns wirklich nicht wichtig.'

Und wenn ich nicht locker ließ, wenn mich die Eifersucht schüttelte und verrückt machte, wenn ich mich reinsteigerte in die Zweifel und Fragen, dann kam immer dein "Oh Nane". Und dann wußte ich, dass es nichts und niemanden hier auf Erden gab, der sich zwischen dich und mich drängen konnte. "Oh Nane".

Wenn wir uns stritten und anschrien
und schlugen
und die halbe Wohnungseinrichtung durch die Gegend warfen
und jedes böse Wort genußvoll in die Seele des anderen stießen
und Blitze gegeneinander schleuderten
und uns vom Haß ergreifen
und von der Wut davon treiben ließen
und uns schlugen
und traten
und einfach kein Ende fanden, bis wir völlig erschöpft und geschunden auf dem Boden lagen und unsere Hände dann vorsichtig den anderen suchten.
Dann waren wir uns genauso nah wie fern, wie wenn wir uns liebten und hinterher die Hand vom anderen suchten, um uns festzuhalten.


 

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