Fliegen

Endlich frei

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W.


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Ich kann es also doch noch.
Ok, zugegeben. Nicht mehr sehr gut.
Nicht mehr sehr sicher und zuversichtlich.
Aber ich kann es noch.

Als ich mal mit dir durch den Bonner Hofgarten ging und du plötzlich riesenhaft neben mir gingst und ich mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung zu dir hochblickte, da schautest du auf mich runter und fragtest, ob ich denn alles verlernt hätte.
"Trau dich", sagtest du, "Du kannst es doch."
Und dann wuchs ich. War kein Zwerg mehr.
Und lachend mit dem Wind im Haar ging ich neben dir riesenhaft die Allee entlang und schaute auf die Bäume runter.

Und als wir dann Jahre später am Elbufer saßen und du mich an die Hand nahmst, da flogen wir den Abhang runter, drehten einen Kreis über der Elbe und segelten dann langsam über die Wiesen und Felder am anderen Ufer, um dann strahlend wieder zurück zu kommen.

Ja mit dir... obwohl es so auch nicht stimmt.
Über den Olchinger See flog ich mal Jahre später nach uns alleine und konnte vor freudiger Aufregung kaum Luft bekommen, ehe mich die Angst wieder runterholte.

"Weil dir deine Angst wichtiger ist als wir es sind, deshalb geh ich weg", hattest du mir an den Kopf geworfen.
Ja, ja, ich und meine Angst.
Und du, die immer alles genau wußte.

Als Kind setzte ich beim Murmelspiel immer nur meine Tonmurmeln, nicht die geliebten Glaskugeln ein. Und wenn ich dann doch mal mit einer Glasmurmel spielte, dann immer nur die schlechtesten, nie die Schönen.
Wir kamen mal auf das Thema. Und du schautest mich an und konntest nicht verstehen, warum ich Angst hatte, etwas zu verlieren. Ich weiß, deshalb liebte ich dich ja so dolle, du spieltest immer nur mit dem Schönsten und Besten. Alles andere war viel zu wenig.

Ja, und nun ging ich abends am See entlang.
Hörte ihn glucksen. Hörte das Knarren des Windes in den Bäumen. Spürte das kosmische Funkeln der Sterne durch die Nacht und fühlte den Mond in meinem Gesicht. Niemand war da. Niemand würde etwas bemerken. Raum und Zeit lagen mir zu Füßen. "Laß dein Herz jetzt tun, was dein Körper noch machen soll", war einer deiner Weisheiten. Oh ja, und mein Herz wollte sich jetzt erheben. Wollte frohlocken und davon fliegen. Und so hob ich ab. War schnell fünfzehn, zwanzig Meter über dem Strand und driftete langsam vom Wind getrieben raus aufs Wasser. Drehte eine Runde und landete wieder wie ein Albatros mit den Füßen trampelnd am Ufer. Oh ja. Es ist herrlich keine Angst zu haben.

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