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Das
Versteck
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Eine
Gänsehaut-Geschichte für Erwachsene, "Das Versteck",
spielt in Flensburg.
Bei
einem Besuch in der "Schatztruhe", einem Antiquitätengeschäft,
blättert der kleine Jonas, während sich seine Mutter und
seine Tante beraten lassen, in einem Märchenbuch.
Die
Geschichte der sieben Geißlein
bringt ihn darauf, sich im Uhrenkasten der Standuhr zu verstecken.
Er taucht
in die Geschichte ein.
Ein
Hund knurrt, bellt. "Könnte das der Wolf sein" denkt
Jonas?
Ein
folgenschwerer Irrtum, wie sich bald herausstellen wird, er löst
eine dramatische Wendung aus.
"Jonas, hörst
du mich?"

GUNDULA LENDT
Autorin
in Niedersachsen
Sie kennt sich in Flensburg gut aus, schließlich hat sie hier 30
Jahre gelebt.
Ihr Genre sind Kurzgeschichten, Krimis und vieles mehr. Zur Zeit schreibt
sie ihren ersten Roman (wird ein Psycho-Krimi).
HomePage von Gundula
Lendt

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von Gundula Lendt
ER
Nordermarkt sah noch genau so aus, wie vor 20 Jahren, stellte Sybille
angenehm überrascht fest. Die Fassaden waren inzwischen liebevoll
restauriert worden, das Kopfsteinpflaster verbreitete mittelalterliche
Atmosphäre.
Sie steuerte auf "Charlott-Eis" zu, dort gab
es damals das beste Speiseeis. Schade, das Cafe, äußerlich
kaum verändert, trug ein neues Logo, der Besitzer hatte wohl gewechselt.
Sie kaufte sich trotzdem eine Waffel mit drei Kugeln: Stracciatella,
Nuss, Zitrone und obendrauf eine Portion Schlagsahne, genau wie an jenem
verhängnisvollen
Sommertag, dem 5. Juni, an dem sie mit ihrer Schwester Hilde und ihrem
kleinen Neffen, Jonas zur "Schatztruhe", einem
Antiquitätengeschäft in der Rathausstraße gegangen waren.
*** Hilde suchte nach einem besonderen Geschenk zum 10.
Hochzeitstag. Vor dem Schaufenster der "Schatztruhe" blieben
Sie stehen, um ihr Eis zu lutschen. Es war heiß und das Eis in
Jonas Hand taute schneller, als er schlecken konnte, lief zwischen seinen
Fingern hindurch und rann den nackten Unterarm hinunter.
Hilde nahm ihm
schließlich
die Eistüte
aus der Hand, kramte ein Papiertaschentuch aus ihrer Handtasche und putzte
ausgiebig an Jonas herum, bis er einigermaßen sauber aussah. Als
sie die Tür zur "Schatztruhe" öffneten, erklangen
zarte melodische Töne eines Windspieles. Das gefiel Jonas natürlich
und er öffnete und schloss ein paar Mal hintereinander die Eingangstür,
bis der Besitzer des Ladens erschien, ein älterer etwas rundlicher
Herr.
"Schönen guten Tag, meine Damen! Lassen Sie die Tür bitte
offen, es ist heute sehr warm", sagte er und fächelte mit einem
großen Palmblatt, sodass die schwül warme Luft, die fiebrig
im Raume hing, in Bewegung geriet.
Jonas zerrte an der Hand seiner Mutter und flüsterte: "Ich
will in den Spielzeugladen, du hast es mir versprochen."
"Bitte, Jonas, ich möchte hier ein Geschenk für Papa
aussuchen." Hilde löste sich energisch von der Hand des Jungen.
"Hallo, kleiner Mann", sagte der Besitzer und bückte
sich zu dem Jungen hinunter.
"Wie heißt du?"
Jonas blickte hilfesuchend zur Mama.
"Sag's ihm", forderte sie ihn lächelnd auf.
"Jonas, und ich bin vier." Stolz zeigte er seine Hand, wobei
er versuchte, den Daumen in der Hand zu verstecken, was ihm nicht so
ganz gelang.
"Ich heiße Herr Petersen. Magst du Märchen?
Hier habe ich ein schönes altes Märchenbuch. Wenn du mir versprichst,
die Seiten ganz langsam und vorsichtig zu blättern, darfst du es
dir angucken." Er nahm aus einem reich geschnitzten Mahagoni-Regal
ein Buch, legte es auf den ovalen Holztisch und angelte mit dem Fuß nach
dem kleinen Hocker, der daneben stand. "Hier kannst du das Buch ungestört anschauen," sagte
er zu Jonas.
"Und Sie verehrte Damen?"
Der Laden hieß nicht nur "Schatztruhe", er war auch
eine. Alte Möbel und Kisten, Regale voller Kuriositäten, eine
chinesische Kachel, eine kleine Kutschen-Uhr, diverse Skulpturen und
Gemälde. Es schien kein System zu geben, Uhren lagen neben Kristallvasen
und Blechspielzeug. Es herrschte eine, wie Hilde mitunter zu Hause sagte, "geniale
Unordnung". So gab es viel zu entdecken. Herr Petersen kümmerte
sich höflich und zuvorkommend um sie, öffnete geduldig Schränke
und Schubladen, erklärte, erzählte.
Hilde schaute sich nach Jonas um, da saß er
an dem Tischchen und blätterte in dem Märchenbuch. Sie schmunzelte
in sich hinein, seit einigen Tagen liebte er es, wenn die Omi ihm Märchen
vorlas.
"...und dies ist eine deutsche Standuhr von
1740, schauen Sie sich die wundervollen umlaufenden Holzintarsien an," sagte
Herr Petersen, ohne den Blick von der Uhr abzuwenden. "Sie ist sehr
wertvoll." Sybille sah die Standuhr bewundernd an, strich mit den Händen über
die aufwendig verarbeiteten Holzeinlagen. "Was kostet die Uhr",
fragte sie.
"26.000 DM", sagte Herr Petersen, der auf weitere Details
aufmerksam machte, die Arbeitweise der Holzschnitzer erklärte.
Sybille und Hilde tauchten in die vergangenen Jahrhunderte ein und vergaßen
darüber, dass es auch noch Jonas gab.
***
Jonas hatte sich inzwischen mit dem Buch auf die Treppe draußen
vor der Ladentür gehockt. Da es sehr warm war, zog er sich die Schuhe
und Strümpfe aus. Er blätterte in dem Buch und schaute sich
die sehr liebevoll und detailliert gezeichneten Bilder an. Er erkannte
sofort das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein anhand
der Zeichnungen. Die Standuhr, in die gerade das siebente Geißlein
hineinsprang, sah der Uhr im Laden sehr ähnlich. Ob hinter der Tür
tatsächlich genug Platz zum Verstecken ist, überlegte er und
ging in den Laden zurück. Er sah den goldenen Schlüssel und wollte den Uhrenkasten aufschließen,
doch so sehr der Junge sich auch reckte, er kam nicht an den Schlüssel
ran. Schließlich stellte er sich auf den kleinen Hocker, jetzt
konnte er den Schlüssel umdrehen. Die Tür öffnete sich.
Das große messingfarbene Pendel hing ruhig und eindrucksvoll in
dem Kasten.
Jonas kletterte hinein. Tatsächlich, er hatte genug Platz. Er versuchte,
die Tür zu zuziehen. Durch den schmalen Schlitz konnte er gerade
noch das Tageslicht sehen. Er rutschte ein wenig hin und her, bis er
sich mit angezogenen Knien hinsetzen konnte. Hier fand ihn der Wolf bestimmt
nicht. Er musste nur ganz, ganz still sein, so wie das Geißlein.
Die Gespräche zwischen seiner Mutter, der Tante und Herrn Petersen
nahmen seine Ohren kaum wahr und er schlief ein.
***
Hilde konnte sich einfach nicht entscheiden, ob sie die Whiskykaraffe
mit 6 Gläsern - alles aus Kristallglas - oder die zwei wunderschönen
englischen Fadengläser aus dem 18. Jahrhundert kaufen sollte. "Was meinst du, Bille? Nehme ich das Whisky-Arrangement, unterstütze
ich Klaus in seiner Trinkerei. Auf der anderen Seite, weiß ich,
dass er sich darüber besonders freuen würde", sagte Hilde.
Herr Petersen nickte zustimmend: "Wenn sie meine bescheidene Meinung
hören wollen, jemand der einen guten alten Whisky genießen
kann, wird nicht zum Trinker. Ich glaube, Sie würden ihren Mann
damit überraschen, gerade, weil er weiß, dass sie ihm zuliebe
dieses wundervolle Geschenk gekauft haben."
"Das denke ich auch", bestätigte Sybille.
"Gut, Herr Petersen", sagte Hilde, "ich nehme die Karaffe
mit den Gläsern."
"Jonas, komm wir sind fertig...", rief sie,
und zu Herrn Petersen gewandt: "Vielleicht haben Sie einen Karton
dafür. Für
das Geschenkpapier sorge ich selber. – Jonas?"
"Ich kümmere mich um ihn", sagte Sybille und mühte
sich durch den Laden, vorbei an Truhen und Regalen. Doch dort wo sie
Jonas vermutete, lag nur das Märchenbuch. "Jonas? - Jonas?
Wo steckst du?" - Die Ladentür war offen, seine Schuhe standen
auf der obersten Stufe.
"Hilde" rief sie, "Jonas ist weggelaufen!"
Hilde, schnappte sich ihre Handtasche, stopfte das Portemonnaie schnell
in die Jackentasche und verabschiedete sich von Herrn Petersen. "Jonas
ist wohl zum Spielzeugladen an der Ecke gegangen", seufzte sie "da
wollte er vorhin schon rein."
Sybille nahm die Schuhe von Jonas an sich. "Wahrscheinlich finden
wir ihn bei der Modelleisenbahn, du hattest ihm doch versprochen, dass
er sich dort ein Matchbox-Auto aussuchen darf."
***
Bevor Herr Petersen den Laden verließ, sah er sich noch einmal
um, legte das Märchenbuch ins Regal zurück, schob den kleinen
Hocker unter den Tisch. Liebevoll schaute er die große Standuhr
an und bemerkte, dass die Tür des Uhrenkastens einen winzigen Spalt
breit offen war, drückte der Ordnung halber die Tür fest an
und drehte den Schlüssel um. Mittwochs hatte er nur bis 13 Uhr geöffnet,
es war später geworden. Er war zufrieden, hatte ein paar gute Geschäfte
gemacht und neue Kunden gewonnen. Die beiden Damen kamen sicherlich mal
wieder zu ihm. Endlich Feierabend!
***
Sie hatten Jonas überall gesucht. Schließlich kamen sie auf
die Idee, dass er sich vielleicht in der "Schatztruhe" versteckt
haben könnte und gingen zurück. Ein Bettler saß vor dem
Laden auf dem Gehweg, er war wohl blind, hatte einen Schäferhund
bei sich. Als sie sich der Tür näherten, knurrte der Hund laut
und bellte sie schließlich an. Der Laden war bereits geschlossen.
Hilde rief ein paar Mal nach Jonas, aber es kam keine Antwort.
Jonas hörte seine Mutter; doch er traute sich
nicht zu antworten, denn da war noch ein anderes Geräusch, ein leises
Knurren, dass immer stärker wurde. Ihm war unheimlich, denn er war
sich sicher, dass der Wolf in der Nähe war. Er igelte sich noch
mehr ein.– Da ein lautes Bellen. Er hielt sich mit den Händen
die Ohren zu – ich muss ganz still sein... nur, wenn ich ganz ruhig bin...
wenn der Wolf
fort ist, holt mich meine Mama hier raus.
"Hier kann er nicht sein, sonst würde er längst weinend
hinter der Eingangstür stehen", meinte Hilde. "Ich hätte
ihn nicht aus den Augen lassen sollen!" Ihre Mundwinkel zuckten,
noch hielt sie ihre Tränen zurück.
"Entschuldigen Sie bitte, haben Sie einen kleinen vierjährigen
blonden Jungen gesehen - ich meine, vielleicht gehört", fragte
Hilde den Bettler. Der Hund bellte sie an.
"Ist schon gut, Wolf", beruhigte ihn der Mann, und kraulte
den Nacken des Tieres.
"Weiß nich, bin erst seit paar Minuten hier", erwiderte er.
Sybille nahm Hilde in den Arm und versuchte sie zu trösten: "Vielleicht
ist er ja nach Hause gegangen. - Er kennt den Weg. - Der Bettler ist
mir unheimlich, glaubst du, dass der blind ist? Irgendwie hatte ich den
Eindruck, dass er dich sehen konnte."
Sie gingen zu Fuß nach Hause, doch dort war Jonas auch nicht.
Als die Polizei am Abend doch noch in der "Schatztruhe" nach
Jonas suchen wollte, stellten sie zur Überraschung aller fest, dass
der Laden völlig ausgeräumt war. Herr Petersen war, wenn man
der Nachbarin glauben konnte, mit seinem Auto in Urlaub gefahren. Niemand
wusste, wohin und warum der Laden leer war.
***
Viele Jahre waren inzwischen vergangen. Jetzt stand Sybille wieder vor
dem Haus, das sich äußerlich kaum verändert hatte. Im
Schaufenster lagen Strickwaren. Sie zitterte am ganzen Körper, als
sie an diesen mysteriösen Tag und die folgenden Wochen dachte. Von
dem Tag an war und blieb Jonas verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.
Sybille sah die Stufen, die Tür, spürte die Hitze noch einmal,
hörte das Windspiel. Der Bettler vor der Tür - der Hund...
der Hund... Sybille erstarrte, sie spürte, wie sich ihre Haut am
ganzen Körper zusammenzog und ein unangenehmes Frösteln auslöste.
Ein Plakat hing im Schaufenster. Samstag ab 10.00
Uhr Antik-Frühling
in Harrislee, las sie. – Morgen also – Sie wusste, dass sie hingehen
würde, das Frösteln ließ nicht nach.
© Gundula Lendt - Juli 2003
HomePage von Gundula
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