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Flensburg online: Immer bin ich allein / März 2005 [aus dem Jahre 1996]

 

 

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Bereich Literatur bei "Flensburg online"

 

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ComputerSchatz
Immer bin ich allein

Immer bin ich allein.
Nie verirrt sich ein weibliches Wesen
in mein kleines Appartement.

Wenn ich nach Hause komme, ist immer alles leer und kalt.
Einzig der ScreenSaver springt über den Monitor.
Ja wenn ich nicht wenigstens meinen Computer hätte, wär' das Leben öd' und leer.

Nicht, daß ich es nicht immer wieder versucht hätte. O doch! Immer wieder. Aber irgendwie klappt es nie richtig.

Hilgegard war mal hier. Aber als sie meinen Computer sah, schraubte sie mir einen Monolog über gesellschaftspolitische Relevanzen bildschirm-orientierter Tätigkeiten und die damit verbundene Gefahr der Simplifizierung zwischenmenschlicher Kommunikationsstrukturen ins Ohr.
Und dann ging sie wieder, damit sie noch die letzte U-Bahn bekam.

Oder Erika. Erika war eigentlich ganz nett. Aber sie konnte nicht einsehen, warum die Kiste auch nachts lief. Mailbox und weltweite DFÜ waren auch noch Fremdworte für sie geblieben, als sie nach drei Tagen wieder ihre Zahnbürste nahm.

Bei Frauke hatte ich gleich von Anfang an ein ungutes Gefühl. Und so kam es dann auch. Weil ihr Vater ihre Mutter verlassen hatte, waren ihre Verlustängste äußerst groß. Deshalb beharrte Frauke auf einer Entscheidung: "Der Computer oder ich!"
Nicht, daß ich die Kiste mehr gemocht hätte als sie. Aber Frauke war eh' nicht so mein Typ. Außerdem hatte ich mir damals gerade die 32 MB-EDO-RAM installiert und wollte doch unbedingt ausprobieren, wie sich der Smart-Drive damit macht. Also war ich wieder allein und drehte voll unerfüllter Sehnsucht einsam die Fischstäbchen für mein Abendessen in der Pfanne um.

Voll unerfüllter Sehnsucht drehte ich einsam die Fischstäbchen für mein Abendessen in der Pfanne um

Dann kam Gerhild. Wie der sanfte Nachmittagsregen nach viel zu vielen Tagen mit sengender Sonne. Sie nahm mein blutendes Herz in ihre Hände, und alles war plötzlich wieder gut geworden. Ich wechselte dann aber meinen Psychiater, weil er ständig davon sprach, daß ich nun an meinen Eifersuchtsstrukturen was ändern müßte, wenn mein Leben nicht immer wieder im Beziehungschaos versinken soll.

Dabei waren es natürlich nicht meine neurotischen Besitzansprüche, die Gerhild dann doch aus meiner Wohnung trieben. Wie sollte der gute Mann auch verstehen, daß ich es nicht mit einer Frau aushielt, die abfällig über meinen 486er mit 50 MHz spöttelte, nur weil sie schon mit ihrem Pentium Prozessor Motherboard flirtete? Außerdem programmiert sie in Java und hielt meine Versuche in Clipper 5 für Kinderkram.



Diese Glosse von Nane Jürgensen
erschien unter dem Titel "Computerschatz"
in der «Berliner Morgenpost», 28. Juli 1996
Nane Jürgensen: "Ich war jung. Und verdammt ja, ich gebe es zu, ich brauchte das Geld."


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