Der Kuß am Stiglmaierplatz

  Literatur

 


  

   
 
 
 

 

   
   
   
   
   

 

Ich glaub, ich muß die Decke mal streichen.
Und du rastestest aus.





 

Du küßtest mich auf dem Bahnsteig
in der U-Bahn Haltestelle Stiglmaierplatz.
Und lachtest danach. Und ich lachte.
Und wir legten die Arme auf unsere Schultern.

Wir setzten uns nicht hin,
sondern blieben das kurze Stück einfach stehen. Im Kino dann spürten wir unseren Atem und unsere Herzschläge, weil wir die ganze Zeit ganz eng beieinander saßen.

Wir fuhren mit der U-Bahn zu mir nach Hause.
Wir waren dann miteinander im Bett.
Draußen wurde es schon hell,
als du dich auf mich setztest.
Hinterher, als du dich wieder neben mich legtest,
sagte ich: "Ich glaub, ich muß die Decke mal streichen."
Und du wurdest fürchterlich sauer.
Rastestest aus. Triebst in deiner Wut davon.
Standst auf, zogst dich an.

Ich lief dir hinterher. Zu deinem Wagen,
den du immer ein paar Ecken weiter weg parktest, damit dein eifersüchtiger Mann ihn nicht bei mir in der Nähe sehen würde.
Aber ich sagte nichts. Sondern guckte nur zu, wie wütend du warst.

Und als ich dann was sagen wollte, schriest du mich an, daß ich sowas von einem Idioten sei, wie du ihn noch nicht gesehen hättest.
Und ich mußte lachen,
was dich noch wütender werden ließ.
Und ich konnte nicht aufhören zu lachen.
Und dann fuhrst du weg.

Zwei, drei Jahre später liefen wir uns ausgerechnet in Nizza über den Weg.
Du Hand in Hand mit einem Typen.
Du gucktest und lächeltest flüchtig.
Ich lag an dem Abend alleine in meinem
billigen Hotelzimmer und dachte, die Decke hier bräuchte wirklich einen neuen Anstrich.

Nochmal ein halbes Jahr später wollte mich Silke küssen, als wir auf die U-Bahn am Stiglmaierplatz warteten.
Und ich sagte: 'Ne, bitte nicht hier'.
Sie: 'Bist du schwul?'
Ja, sagte ich, ein schwuler Anstreicher.

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