Menschenmüde

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Menschenmüde. Literatur bei Flensburg online

Schenken wir uns einen kleinen Moment von Nähe & Tiefe.


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Und dann standen wir an der S-Bahn in Hamburg-Harburg, schauten uns traurig an und wußten, daß auch wir uns nicht geben konnten, was wir so dolle suchten.


 

Wir hatten am Vormittag zwei Stunden in dieser Arbeitsgruppe gesessen. Über semantische Bedingungen kontextabhängiger Kommunikation geredet. Und dabei doch nur daran gedacht, wie es wohl mit uns sein würde.

Und jetzt standen wir auf der Treppe vor der Wohnung in Hamburgs Speicherstadt, wo wir uns zu dieser Arbeitsgruppe getroffen hatten. Und ich sagte: "Ich bin so müde."
Es braucht schon besondere Menschen, die dann wissen, dass man nicht von fehlendem Schlaf spricht.
Und du sagtest: "Komm, wir schenken uns einen kleinen Moment von Nähe und Tiefe."

Komm, wir schenken uns einen kleinen Moment von Nähe und Tiefe – wer sagt sowas schon in diesem Heer von Verstümmelten und Verletzten, deren Herzen ausgeblutet sind und die sich ihre Liebe haben einfrieren lassen. Und ich lächelte dich an.
"17 Uhr bei dir?", fragtest du.

Um 17 Uhr bei mir

Ich räumte meine kleine 2 Zimmer Wohnung auf. Bezog das Bett neu. Putzte mir die Zähne, wusch mir die Haare und zog mir mein Lieblingshemd an.

"Wenn es nicht schön war", sagtest du hinterher, "kann man wenigstens hoffen, dass man noch wen findet.
Aber wenn es schön war, ist es eigentlich erst richtig schrecklich."
Und ich wußte, wovon du sprachst, während draußen im Universum der ewigen Einsamkeit der kosmische Clown vor Schadenfreude über uns lachend sich auf die Schenkel schlug.

Jahre später sah ich dich im Fernsehen Karriere beim NDR machen. Und du hattest so gar nichts mehr von dem, als wir beide hinterher immer auf dem Rücken im Bett lagen, alle Viere von uns streckten und in Gedanken ganz weit draußen waren.

"Oh, nimm deine Hand weg", sagtest du auf dem Weg zur S-Bahn, als ich mich durch deine Haare zu deinem Nacken gewühlt hatte. "Sonst kann ich jetzt nicht wegfahrn."
Ich hätte gerne gewollt, dass du noch ein paar Tage bleibst. Aber es hätte auch nichts geändert.

Dich sah ich im Fernsehen.
Uns sah ich oft, wenn ich all die Jahre später beim wilden Reisen von Norden nach Süden und zurück mit irgendeinem D-Zug an Hamburg-Harburg vorbeifuhr, wie wir da vor dem Bahnhof standen und uns traurig anschauten, weil wir wußten, dass auch wir uns nicht geben konnten, was wir suchten.

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