Notebook-Frau

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Ich turne hier draußen auf der Tragfläche. Aber du schaust noch nicht mal rüber.




 

Dunkel im Nebellicht liegt unter uns der Taunus.
Kapitän Berger hat von Köln kommend
die scharfe Kurve über Frankfurt genommen
und jetzt segeln wir langsam runter nach München.

Du schaust noch nicht mal rüber,
wo ich hier draußen auf der Tragfläche
aus dem Stand einen Salto springe
und über die dunklen Nachtwolken turne.

Du jagst ewig lange Lotus-Blätter durch die CPU und durch den blauen Rauch deiner Zigarette blinzeln mich die Zahlen hüstelnd an.

Kein genervtes Aufstöhnen, weil irgendwas nicht klappt. Kein Gezerre am Akkueinsatz, weil der Strom zur Neige geht. Nichts läßt dich aufblicken. Nichts gibt mir eine Chance, etwas zu sagen.

Ich wühl' in meiner Aktentasche
und laß die Disketten klappern.
Aber kein Blick findet den Weg rüber zu mir.

Meine Augen rutschen doch immer wieder nur deine Schenkel rauf

Meine Augen versinken im LCD-Display
und rutschen doch nur wieder deine Schenkel rauf.
Jemand redet und jemand bittet um Feuer.
Jemand hat Probleme beim Falten seiner FAZ
und mein Herz pumpt ein wildes SOS durch den Körper wegen zweieinhalb Litern Kaffee und 128 Chesterfields und nur drei Stunden Schlaf.

Ich könnt' dir meine Icons-Sammlung zeigen
oder die neue Version von 4PRINT unter Windows demonstrieren. Wir könnten die gesellschaftspolitischen Aspekte der Bildschirmarbeit besprechen oder einfach nur ein langes heißes Bad nehmen.

Vielleicht laufen heute Nacht alle Festplatten über

Vielleicht laufen heute Nacht alle Festplatten über. Vielleicht springen die Nanosekunden ins elektronische Nirwana und werden niemals wieder zurückkehren.

Vielleicht kriechen blasse Kummermonster
übers Laplink-Kabel in die Wartezyklen
und fressen sich in Schaltkreisen fest,
die wir niemals wieder in den Griff kriegen.
Aber ich werd' dir 4 MB RAM schenken,
wir konfigurieren deinen Platten-Cache ins Expanded Memory und das eine oder andere Stück Erdbeerkuchen werd' ich mir von deinen Lippen stehlen.
Den einen oder anderen Sonnenaufgang aus deinem Lächeln klaun und etliche frische Brisen vom Lavendelberg werd' ich heimlich aus deinen Streichlern beiseite legen.

"Ich darf nicht vergessen, den Akku noch aufzuladen. Dann kann ich morgen auf'm Flug die Sachen noch fertig machen", sagst du, aber ich hör' nicht zu, sondern spring einfach in deine Wärme, tauch einfach unter in deinem Duft und wühle mich langsam an dein Herz ran.

Von nebenan brummelt das Sytos-Programm
und schaufelt 250 MegaBytes von meiner Festplatte aufs Tape. Aus der Dunkelheit glüht die Kontrollampe deines Aufladegeräts zu mir rüber, aber jetzt will ich glauben, daß eine Nacht eine Ewigkeit sein kann.
Und vielleicht verpassen wir auf'm Rückweg vom Saturn das Taxi zum Flughafen und haben morgen keine nervigen Termine, sondern laufen lachend über die ungemachten Wolken.


Nane Jürgensen in "Der Absturz lauert überall.
Computeralltag zwischen Lust und Leid"

Fischer Taschenbuch, Frankfurt/M. 1993

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