Nun bist du also tot

Du auf der Sanddüne
 

 

Mit Ca. nachts um halb drei im Adria

 
 
 
 
 

 

   
   
   
   

 

Früher war immer
alles so einfach.
Du lachtest.
Und ich lachte zurück.

Hatte die Spencer Davis Group nicht geschrien…

"I'm a Man
Yes I am
And I can't help
but love You so."

Na klar, hatten sie es so rausgeschrien.
Und so ging es mir
auch mit dir.

Flensburg online: Poems

Komisch, dass ich dich so schlecht aus meinem Kopf bekomme.




 

Nun bist du also tot.
Und ich soll morgens aufstehen.
Ich soll für die Kinder Frühstück machen.
Ich soll schreiben. Ich soll schreiben.
Ich soll schreiben.
Ich soll Termine halten.
Ich soll zum Briefkasten gehen.
Ich soll Rechnungen bezahlen.
Ich soll voller Tatendrang sein.

Früher war immer alles so einfach.
Du lachtest mich auf dem Platz
vor dem Amsterdamer Hauptbahnhof an.
Und ich lachte zurück.
Und du kritzeltest eine Skizze auf ein Blatt.
Und ich würde kommen und dich besuchen.

Verrückt. Wie hätte man glauben können, dass man mit so einer hingeworfenen Skizze jemanden am Ende der Welt finden könnte. Aber es klappte, weil wir damals dran glaubten, dass alles so einfach ist.

Das waren damals die Sommer.
So schön und so einfach.
Wie unser ganzes Leben.

Ne Woche später stand ich an der Straße und trampte durch halb Europa zu dir hoch nach Dänemark.

Mit zwei oder drei Lifts war ich über Kolding und Herning bis nach Lemvig gekommen –
getreu deiner Skizze. Und von Lemvig nahm mich ein Postbote mit bis an den Rand zur Nordsee.

I'm a Man

Du hattest alles, was ich an einer Frau liebe.
Na ja, auf den ersten Blick.
Aber dieser erste Blick war so schön.

Und so standest du da oben in Dänemark
auf der Sanddüne.
Ein frischer Wind von weit her
spielte in deinen blonden Haaren.
Deine wunderschönen langen Beine
in deinem kurzen Rock.

Alles an dir so frisch und so schön
und so gesund braun. War es ein Traum?
Nein, du hattest mir in Amsterdam deine Adresse gegeben. Und dabei gelacht. Und ich hatte gelacht.
Und ich hatte gedacht, dass das Leben so einfach ist.

Deine Haare
spielten mit dem Wind.
Und deine Beine
spielten mit mir.

Und nun standst du hier oben in Dänemark
im frischen Wind auf der Sanddüne.
Und deine blonden Haare spielten mit dem Wind.
Und deine schönen Beine spielten mit mir.
Und die späte Vormittagssonne tauchte dich in einen goldgelben Energieozean.
Wo sind dieser Wind und diese Sonne hingegangen?
In welches ferne Land haben sie sich verzogen und
mich hier im engen Dunst der Enge zurückgelassen?

Jahre später wird die untergehende Sonne K. in München am Oberufer der Isar in ein blutrotes Flammenmeer tauchen, aus dem nur noch ihre wunderschönen Augen wie Vulkankometen leuchten. Aber das ist noch viele Jahre hin. Jetzt strahlt erst einmal die späte Vormittagssonne hier oben in Dänemark auf deine blonden Haare.
Und deine blauen Augen funkeln noch klarer.

Ich kroch in dich rein und schob dein rotes T-Shirt hoch, um deine Brüste zu fühlen, und deinen gelben Rock weg, um dir nah zu sein.
Wir haben gar nicht oft miteinander geschlafen.
Dreimal. Oh, ich hätte öfters gewollt. Aber du bist immer auf deine Trips gegangen. Und wie sollte ich dir da folgen?

Nun bist du also tot

Nun bist du also tot.
Grad mal eben ein halbes Jahrhundert warst du hier.
Komisch, dass ich über deinen Tod so schlecht hinweg komme. Dass ich immer wieder dran denken muss. Dass sich Angst und Unsicherheit in mir hochfressen und mich nicht in Ruhe lassen.

Nun bist du also tot.
Und ich soll morgens aufstehen.
Ich soll für die Kinder Frühstück machen.
Ich soll schreiben. Ich soll schreiben.
Ich soll schreiben.
Ich soll Termine halten.
Ich soll zum Briefkasten gehen.
Ich soll Rechnungen bezahlen.
Ich soll voller Tatendrang sein.

Komisch, dass du mir so in Herz & Kopf rumgehst.
Da war doch gar nicht viel mit uns.
Keine große Liebe. Keine großen Schwüre.
Keine tiefen Gefühle. Keine wilden, nicht enden wollende Liebesnächte mit bebenden Körpern, die einfach nicht genug voneinander bekommen konnten.
Noch nicht mal große Streits.
Mit uns war wirklich nicht viel.
Aber ich muss immer an dich denken.
Dabei soll ich aufstehen.
Frühstück machen. Fürs Mittagessen einkaufen.
Briefumschläge öffnen. E-Mails beantworten.
Ich soll schreiben. Aber tu das mal, wenn dein Herz blutet und du noch nicht mal weisst warum.

Vom offenen Meer kommen frische Brisen.
Tragen den Salzgeschmack auf meine Lippen.
Wir sitzen im warmen Sand. Und ich hätte dich gerne im Arm gehalten, aber du warst wieder aufgebrochen zu fernen Stränden und bunten Paradiese.

Ich marschierte einsam
durch das Universum

Und ich? Ich konnte von deinen LA Sunshine Rises oder Amsterdam Yellow Submarine schlucken, was ich wollte. Es endete für mich immer damit, dass ich einsam, unendlich einsam durch den Kosmos marschierte. Über den Mond, raus bis Jupiter und Saturn. Und dann immer weiter. Einsam war es dort draußen. Und ich marschierte ganze Ewigkeiten.
Aber fand kein Ende.

Im Kühlschrank hattest du ein baunes Fläschchen. Angeblich hatte auch Jimi Hendrix die Mixtur in seinem Kühlschrank. Du hattest es aus London mitgebracht.
Und während du mit bunten Seepiraten in die Karibik aufbrachst, marschierte ich wieder weit hinter Jupiter durch die Eintönigkeit des Universums. Traf niemanden, hörte nichts außer meinen Schritten über die Himmel und fand kein Ende und keinen Anfang.

Da braucht es viel Alltagstauglichkeit, um nach solchen Trips morgens wieder zum Briefkasten runterzugehen.
Ich mußte wieder zurück in den Alltag. Du bliebst dort oben auf deiner Sanddüne. Viel später erst bekam ich mit, dass deinen Eltern halb Dänemarkt gehört. Da ist es leicht, am Strand zu sitzen und sich die Träume in den Kopf zu lutschen.

Ich war dreimal bei dir. Bin hoch zu dir an den Nordseestrand getrampt. Wir schliefen dann miteinander, aber dann schlucktest du dich wieder weg von dem, was ein paar schöne Tage hätten sein können.

Der Wind flirtete mit deinen Haaren. Aber du warst 125 Lichtjahre weit weg

Oh, und ich schaute dich an.
Die Sonne streichelte dein braunes Gesicht.
Der Wind flirtete mit deinen blonden Haaren.
Deine langen Beine lagen auf dem warmen Sand.
Aber du, du warst 125 Lichtjahre weit weg.

Nun bist du also tot.
Irgendwie wie damals:
Du unterwegs. Ich allein im Alltag.
Ich kann morgens nicht aufstehen.
Ich kann für die Kinder kein Frühstück machen.
Ich kann nicht schreiben.
Ich kann keine Termine halten.
Ich kann nicht zum Briefkasten gehen.
Ich kann dich nicht aus meinem Kopf bekommen.
So wie damals: Du auf wilden Reisen unterwegs.
Und ich marschier allein durch die Gegend.

Was ist das Leben?
So ein paar Augenblicke.
Dann sind wir schon wieder weg.
Und es bleibt nichts, egal wie groß und imposant sie ihre Grabsteine auch bauen. Es bleibt nichts. Wir gehen weiter auf unsere Reise durch Gottes Schöpfung. Sehen zu, dass wir ein paar Fehler nicht mehr machen und uns zum Licht hin entwickeln.

Ich muß dran denken, wie wir oben in deinem Schlafzimmer auf deinem großen Bett lagen.
Zur See hin ein Riesenfenster. Es war dunkel. Wir schauten raus und stierten in die Dunkelheit.
Mit A. habe ich in solchen Momenten geheult, weil wir es nicht ertragen konnten, dass wir uns irgendwann nicht mehr haben würden. Aber du schobst dir einfach nur nochmal Acid ins Hirn.

Und nun bist du also tot.
Du hattest mich mal vor Jahren angerufen.
Ich lebte damals in München.
Meine Güte, da hat es noch nicht mal dein Acid gebraucht, um uns Galaxien voneinander entfernt sein zu lassen. So fremd. So weit weg.

Und dann hattest du mir erst neulich zu Silvester eine E-Mail geschrieben. Weil wir keinen Anfang hatten, hatten wir aber auch nie ein Ende – schriebst du.
Ich hab nicht geantwortet, weil es keinen Sinn hat, alte Sachen aufzuwärmen. Was hätte ich auch schreiben sollen? Dass ich immer noch allein, so füchterlich allein durch das Universum marschiere und immer noch suche.

Ok. Nun bist du also tot.
Ich werd' morgen früh aufstehen.
Ich werd' für die Kinder Frühstück machen.
Ich werde schreiben.
Ich werde Termine halten.
Ich werde zum Briefkasten gehen.
Ich werde Rechnungen bezahlen.
Ich werde voller Tatendrang sein.
Ich werde dich nicht vergessen.

Von weit draußen über der Nordsee
kommt ein sanfter Wind und säuselt sich zum Land.
Wir sitzen am Strand. Du hast deine Beine angezogen und deine Hände um deine Knie gelegt.
Ich hab mich auf meine Ellbogen aufgestützt.
Wir sitzen da am Wasser und schweigen in die untergehende Sonne.

Von weit draußen im Kosmos
kommt ein trauriger Gedanke heran geschlängelt.
Ich sitze hier vor meinem Computer am Strand des unendlichen Datenozeans und denke, dass ich dich ja gar nicht verloren habe, weil ich dich nie wirklich hatte.
Ich rutsch auf meine Knie,
zieh meinen Bauch zusammen
und heul die Schmerzen der letzten 1.076 Jahre raus.
Aber es hilft nicht wirklich. Denn ich heul wegen mir. Und nicht wegen dir.

Literatur bei Flensburg online

zur Startseite von • Flensburg online

—  Flensburg SitemapSitemap     Kleinanzeigen     Radio

 

 

 





ANZEIGE