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Wir sind die "Bundesrepublik Deutschland" und nicht der "Standort Deutschland".

Die Rede vom "Wirtschafts-Standort" hat weitgehend die Rede von der Bundesrepublik, vom Staat oder der Nation, ja sogar von der Gesellschaft verdrängt.

Ist zum Beispiel ein ganzer Ort von einer Firma abhängig, wie es da ja vielfach gibt in unserem Land, und löst dieser Betrieb die rhythmisierten Arbeitszeiten zugunsten einer rund-um-die-Uhr-Beschäftigung mit flexiblen Freizeiten auf, dann zerbrechen die Familien, dann grassieren Alkoholismus und Drogensucht, dann werden Menschen krank und einsam, dann randalieren die Jugendlichen, dann steigt die Kriminalitätsrate enorm, dann steigt der Krankheitsstand im Betrieb, dann gehen Menschen sukzessive kaputt.



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DOKUMENT –
aus der Rede
von Bischof Knuth


Folgend der Wortlaut der Passage in der Rede von Bischof Dr. Hans Christian Knuth am 23.9.99 bezüglich der Sonntagsarbeit

Sonntagsschutz. Die Argumente sind weitgehend ausgetauscht – ich möchte sie hier nicht wiederholen. Erlauben Sie mir nur zwei Hinweise, die gerade auch für den Sprengel Schleswig, der landespolitisch als strukturschwaches Gebiet gilt, von Bedeutung sind.

Gerade im strukturschwachen Gebiet hat das "Standort-Argument" allergrößtest Gewicht. Günther Grass hat in einer bemerkenswerten Rede darauf aufmerksam gemacht, daß die Rede vom "Wirtschafts-Standort" weitgehend die Rede von der Bundesrepublik, vom Staat oder der Nation, ja sogar von der Gesellschaft verdrängt.

Als ob identitätsstiftend für uns nur unser Bruttosozialprodukt wäre, oder etwa Export- und Importbilanzen, und nicht die Grundrechte unserer Verfassung oder die Verfassung als solche, nicht etwa die Geschichte und Kultur, nicht etwa unsere Rolle in Europa oder gar unsere Zugehörigkeit zum christlichen Abendland. Wir sind die "Bundesrepublik Deutschland" und nicht der "Standort Deutschland"! Was für ein Absturz, Politik nur noch an den Kriterien des Wirtschaftsstandortes zu messen. Tut man dies, ist das strittige Thema längst nicht mehr der Sonntagsschutz. Man gerät in einen Strudel, der alles mit sich reißt, was neben wirtschaftlichen Errungenschaften identitätsstiftend wäre.

Um es konkret zu sagen: Motorola in Flensburg gilt im Gebiet des Sprengels Schleswig als der Stern am Himmel, und so ist es mitten in der aufgeregten Diskussion um den Sonntagsschutz unkommentiert geblieben, als die Zeitungen des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages verkündeten, daß mit der Schaffung hunderter neuer Arbeitsplätze in Flensburg durch Motorola auch eine Sondergenehmigung zur Sonntagsproduktion verbunden sei. Wozu eigentlich über verkaufsoffene Sonntage diskutieren, wenn sich doch klar abzeichnet: fällt der Sonntagsschutz im Einzelhandel, dann fällt er auch bald in der Produktion. Und diejenigen, die die ungeheure Freiheit gewonnen haben, am Sonntag shoppen zu gehen, werden bald dieser Freiheit wieder beraubt. Und zwar nicht durch den grundgesetzlich gesicherten Sonntagsschutz, sondern durch die schlichte und öde Verpflichtung, am Sonntag am Fließband stehen zu müssen.

Und noch ein Aspekt sei angefügt: die sozialen Folgekosten der Auflösung eines gemeinsamen Rhythmus sind immens. Sie übersteigen den Gewinn einer florierenden Wirtschaft, wenn man den denn annehmen möchte als Folge einer Aufhebung des Sonntagsschutzes. Das ist doch längst untersucht, und man kann es an Gemeinschaften ablesen wie unter einer Lupe, die einen gemeinsamen Rhythmus nicht mehr kennen. Ist zum Beispiel ein ganzer Ort von einer Firma abhängig, wie es da ja vielfach gibt in unserem Land, und löst dieser Betrieb die rhythmisierten Arbeitszeiten zugunsten einer rund-um-die-Uhr-Beschäftigung mit flexiblen Freizeiten auf, dann zerbrechen die Familien, dann grassieren Alkoholismus und Drogensucht, dann werden Menschen krank und einsam, dann randalieren die Jugendlichen, dann steigt die Kriminalitätsrate enorm, dann steigt der Krankheitsstand im Betrieb, dann gehen Menschen sukzessive kaputt. Und all dies, will man denn tatsächlich in solchen Kategorien denken, all dies muß bezahlt werden! Krankenkassen und Polizei, Beratungsstellen und Gerichte, Rehabilitationsmaßnahmen und Kuren, Psychiatrie und Erziehungsanstalten – all dies muß bezahlt werden. Und es bezahlen nicht die Firmen, sondern die Gesellschaft als solche.
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